Kultur : Sinfonie der rasselnden Hagelkörner

NAME

Von Peter Köhler

Das Sandmännchen ist an allem schuld. Jeden Abend kam es im Fernsehen der DDR, und fast immer fuhr es Auto. Einmal, daran erinnert sich Falko Hennigs Romanheld Henry Täufler genau, flog es sogar mit einer Rakete zum Erdtrabanten und rollte mit einem Mondmobil herum. Spielzeugautos prägen Henrys Kindheit in der Lkw-Stadt Ludwigsfelde am Berliner Stadtrand ebenso wie Vaters Leidenschaft für seinen volkseigenen „Troll"-Motorroller und die Familienausflüge in Mutters Trabant Kombi. Mit Liebe zum Detail beschwört der 1969 geborene Falko Hennig jene DDR, wie man sie auf ihren Straßen buchstäblich erfuhr: „Bei hoher Geschwindigkeit summte es hoch und fast schon schrill, mit jedem anderen Belag eine neue Tonhöhe, mal etwas dumpfer, dann wieder rasselnd wie Hagelkörner, die gegen das Auto prasseln. Es klang wie eine Symphonie, die ein unbekannter Komponist in den Straßenbelag geschrieben hatte."

Von klein auf zum Automenschen konditioniert, schlägt sich Henry Täufler als Fahrzeugschlosser, Militärkraftfahrer und, im vereinten Deutschland, als Trabbi-Chauffeur für Berlin–Touristen durch und gelangt auf seinen Urlaubstouren bis in die Türkei. Dort gibt sein klappriger Trabant inmitten der ältesten Siedlungsreste, so viel Symbolik muss sein, der Menschheit endlich den Geist auf. So existenziell ist Henrys Liebe zum Auto, dass sie sogar sein Sexualleben steuert - erst das Aufheulen des Trabbimotors macht ihn richtig scharf auf die Bräute.

Fremd wie der Erdtrabant

Hätte Falko Hennig, der den Berliner Surfpoeten locker verbunden ist und seinen Roman im Episodenstil erzählt, sich auf die Geschichte des Henry Täufler beschränkt, wäre ein humorvoller, ein bisschen nostalgischer DDR-Roman aus der Trabbiperspektive entstanden: literarisch verdichtete Kunde aus einer Welt, die allmählich so fremd wird und fern wirkt wie der Erdtrabant. Andererseits träten auch die Schwächen eines so im Thema beschnittenen Buches deutlicher hervor, näherte es sich doch in Stil und Gehalt vielen kurzen Texten der jungen, aus dem Osten stammenden Kneipenautoren mit ihrer zuweilen banalen Glorifizierung der goldenen Jugendzeit und ihrer aufdringlichen Feier von Kumpel- und Kiezromantik.

Doch statt sich mit einem engen mitteleuropäischen Gesichtskreis zu begnügen, erweitert Falko Hennig mutig den Horizont, indem er dem Lebensbericht des DDR-Bürgers Täufler die Geschichte des in Deutschland geborenen, den Nazis ergebenen und später in den USA eingebürgerten Raketeningenieurs Wernher von Braun zur Seite stellt. So DDR-klein Henry Täufler wirkt und so weltgeschichtlich US-groß Wernher von Braun: Von der Raketenfertigung in Ludwigsfelde während der NS-Zeit bis zu jenem Mondfahrzeug, mit dem die Astronauten der Autofahrernation USA auf dem Nachtgestirn herumkutschierten, finden sich reichlich Berührungspunkte - sogar auf dem Mond selbst, dessen Straßenverhältnisse denen der DDR verblüffend glichen, denn es gab dort oben nur „Schlaglöcher, Sand" und „keine Warnschilder". In den Lebenswegen des harmlosen Taugenichts Täufler und des gefährlichen Genies von Braun spiegelt Falko Hennig das deutsche 20. Jahrhundert. Auf dessen verrückten Verlauf passt vielleicht ein Gedanke, der Henry Täufler einmal überfällt. Eigentlich denkt er an Berlin: „Beim Taxifahren kam ich mir manchmal wie eine Billardkugel vor, die von unbekannten Spielern ganz unberechenbar durch die Stadt geschossen wird. Nie konnte ich vorher sagen, wo ungefähr ich zu einem bestimmten Zeitpunkt sein würde." Das kann man auch gut auf die verschlungene, nie vorhersehbare Geschichte Deutschlands im verflossenen Säkulum beziehen.

Falko Hennig: Trabanten. Roman. 287 Seiten. München: Piper, 2002. 19,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben