Kultur : Sinfonie der Tausend

KLASSIK

Jörg Königsdorf

Mit der Achten tun sich selbst die besten Mahler-Dirigenten schwer: Dient die beispiellose Häufung von Aufführungspersonal nun dazu, das Aufgehen des Individuums in kosmischer Harmonie zu feiern, oder steht der Koloss nicht doch auf tönernen Füßen, ist die Kombination aus mittelalterlichem Pfingsthymnus und „Faust II“ nicht vielmehr ein verzweifelter Versuch, mit allem erdenklichen Aufwand den Monumenten abendländischer Kultur im Zeichen der beginnenden Moderne noch einen Sinn abzutrotzen? Vermutlich von beidem etwas – und Kent Nagano gelingt es mit seinem DSO in der Philharmonie , diese Doppelbödigkeit auch hörbar zu machen. Gnadenlos treibt er den einleitenden Hymnus voran, spitzt Rhythmus und Klang ins gleißend Maschinelle zu, um gleich darauf, in den eigentümlich fahlen Binnenepisoden die Wirkungslosigkeit des gigantischen Materialeinsatzes zu entlarven.

Nagano dirigiert hier eine ganz gegenwärtige Musik, die in ihrem hochtourigen Rotieren gefangen ist – die Vision der Katastrophe hinter einer gleißenden Fassade. Das Anknüpfen beim Nullpunkt ergibt sich daraus mit faszinierender innerer Logik: Die tastend-verhaltene Orchestereinleitung, die geraunten Satzbruchstücke des Chores des zweiten Satzes markieren einen völligen Neubeginn, Goethes Verheißung einer Erlösung des Individuums durch allumfassende Liebe scheint als utopisches Gegenreich auf. Schade nur, dass Nagano für sein zwingendes Konzept zwar ausgezeichnete Chöre (MDR-Chor und Rundfunkchor), aber nur ein mittelprächtiges Solisten-Ensemble zur Verfügung steht. Aber die vollkommene Harmonie bleibt eben auch im Konzertsaal meist Utopie.

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