Kultur : Sinfonieorchester: Gut, besser, lauter

Carsten Niemann

Wie kann das Sinfonieorchester, das Lieblingskind unser Urgroßväter, den Wandel zu einer Institution des 21. Jahrtausends bewältigen? Und: Kann es das überhaupt? Dieser durchaus heiklen Frage stellten sich in Berlins American Academy zwei Experten, die diesseits und jenseits des Atlantiks für Aufsehen gesorgt haben: Esa-Pekka Salonen, der junge Musikalische Direktor des Los Angeles Philharmonic Orchestra, sowie Franz Xaver Ohnesorg, Ex-Chef der New Yorker Carnegie Hall und künftiger Intendant der Berliner Philharmoniker.

Noch immer zeige das Sinfonieorchester überwältigende Wirkungen - da waren sich Salonen und Ohnesorg einig: Die Magie des Augenblicks, die Aura einer Veranstaltung blieben Pfunde, mit der es sich in einer Zeit allgegenwärtiger technischer Reproduzierbarkeit wuchern lasse. Das wöchentliche Abonnementskonzert jedoch habe ausgedient: Die Freizeitgestaltung sei flexibler geworden, Klassik als kunstreligiöse Weihestunde passé. Doch wie Menschen gewinnen, für die ein Konzert von Radio Head eine gleichwertige Alternative zu Strawinsky ist? Ohnesorg setzt darauf, das richtige Publikum mit den richtigen Künstlern zusammenzubringen - so werde eine Veranstaltung zum Gemeinschaftserlebnis. Um das zu erreichen, dürfe man allerdings keine Scheu vor Marketingstrategien haben. "Macht die Sache einfach" riet auch Salonen, für den die Sorge, "nicht dazu zu gehören" zu den bedeutendsten Besuchshemmnissen zählt. Eines seiner wichtigsten Erfolgsrezepte beim Werben um die Jugend: "Spielt ihnen gute laute Musik vor."

Ähnliches gilt auch für die Präsentation. Begeistert verwies man auf Salonens Strawinsky-Reihe in L. A. : Konzerte, bei denen es passieren kann, dass auf den Schlussakkord eine Videoleinwand mit dem Bild des Komponisten herabrauscht, oder dass Startreck-Filmschauspieler aus Dokumenten zum Leben Strawinkys lesen. "Personalisieren, die menschliche Seite zeigen", dafür sind auch Ohnesorg viele Mittel recht: Vom Poster mit attraktiven Musikern bis zu Zitaten aus Mozart-Briefen.

Dass sich für die Epochen, die jenseits der Zeit zwischen Beethoven und Strawinsky liegen, eine große Anzahl von deutlich flexibler organisierter Spezialensembles entwickelt hat, wurde dagegen mit beinahe etwas hilfloser Sorge zur Kenntnis genommen. Immherhin, hiess es, dirigierten jene ausgewiesenen Spezialisten für Alte Musik mittlerweile erfolgreich auch große Sinfonieorchester. Wie eine flexiblere Organisation des Sinfonieorchesters im einzelnen aussehen müsste, gegen welche Widerstände (etwa der Gewerkschaften) sie sich durchsetzen lassen könnte, blieb vage - so vage wie die Hoffnung, dass der große Klangkörper einstmals wieder so innovativ sein könnte, dass Uraufführungen vor vollem Haus zur Regel werden.

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