Kultur : Sing, mein Mädel

Marianne Rosenberg stellt in Berlin ihre bewegend nüchterne Autobiografie „Kokolores“ vor

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Es gibt Menschen, die bei der Erwähnung des Namens Marianne Rosenberg sofort ein Flackern in den Augen kriegen. „Du gehörst zu mir wie mein Name an der Tür lalalalah...“, trällern sie. Oder: „Maleen, eine von uns beiden muss jetzt gehen lalalalah...“ – Marianne Rosenbergs große Hits. Sie hatte viele davon: Mit Lalalalah durch die siebziger Jahre. In jedem Haushalt hätten ihre Platten gestanden, sagt sie heute. Doch als die 14-Jährige 1969 mit „Mr. Paul McCartney“ ihren ersten Hit hatte, konnte ein Beatles-Fan über das kleine naive Liedchen nur lachen.

Der „Meistersaal“ in der Köthener Straße ist ein zauberhafter Raum. Mit seiner hohen, mattgold schimmernden Kassettendecke, schweren Leuchtern und dunkelrot gepolsterten Stuhlreihen wirkt der ehemalige Aufnahmeraum des HansaStudios heute edel und feierlich. Hier nahm 1969 das zukünftige Schlagersternchen Marianne Rosenberg ihre erste Schallplatte auf. Ein unsicheres Mädchen mit dunklen Haaren, dunklen Augen, das gerade einen Talentwettbewerb gewonnen hatte und nichts lieber tat als singen.

Heute sitzt sie hier als lebenserfahrene Frau, blond und mit ebenmäßig hell geschminktem, glatten Gesicht. Vor ihr ein Pult. Marianne Rosenberg hat zu ihrer Singstimme eine weitere, neue Stimme gefunden: die Erzählstimme ihrer Autobiografie „Kokolores“. „Das Theater um Karriere und Ruhm ist Kokolores, gemessen an dem, was das Leben ausmacht“, sagt Rosenberg und erklärt das Anliegen ihres Buchs: aufschreiben, was ihr Leben ausmacht. Unter anderem auch das Theater um Karriere und Ruhm.

„Augenblick bitte ... ich muss noch...“: Rosenberg setzt eine kleine, elegante Lesebrille auf. Solidarisches Gekicher im Auditorium. Geladene Gäste, Freunde, Verwandte, Presseleute, Prominente. Ja, das mit der Lesebrille kennen sie alle inzwischen. „Dann muss sie über 50 sein“, sagt eine Dame mit einem Wagenrad von rotem Hut. Marianne Rosenberg liest Sätze in einfacher, ungekünstelter Sprache. Über eine Kindheit in Berlin, in ärmlichen Verhältnissen. Über die große Familie und deren Zusammenhalt. Die geliebte Oma aus dem Osten. Mauerbau, und wie die Teilung der Stadt die Familie zerrissen hat. Kein Märchentanten-Ton. Keine Larmoyanz. Auch nicht in der anrührend traurigen Geschichte über den Vater Otto Rosenberg, den Sinto, den die Nazis als „Zigeuner“ in die Hölle von Auschwitz zwangen, wo sein Vater, die Geschwister, die Großmutter und weitere Verwandte ermordet wurden. „Sing, mein Mädel“, hat der Vater später oft zu Marianne gesagt, in Momenten von Trauer und Verzweiflung. Er brachte ihr die Lieder seiner Mutter bei.

Und Marianne sang. Schon bald konnte das Kind mit ihrem Gesang die ganze Familie ernähren. Marianne wurde Schlagerstar, der Vater ihr Manager. Ein Patriarch, dem man nicht widersprach. Marianne sang und widersprach nie. Nicht ihrem Vater. Nicht den Komponisten und Textdichtern, deren Fantasien sie ihre Stimme lieh. Nicht den Chefs der Plattenfirma, die ihre Garderobe und Frisur bestimmten. Die sie zu Schlagerwettbewerben schickten und auf die Ochsentour durch halbseidene Diskotheken in der deutschen Provinz.

Der Ton, in dem sich diese Lebensgeschichte nun abrollt, ist angenehm zurückhaltend, kein Feldzug gegen irgendjemand, keine Abrechnung. Nichts dümmlich Sensationsheischendes in der Art von Dieter Bohlen und anderen Selbstbeweihräucherern des Pop-Betriebs. Stattdessen erzählt Rosenberg auch vom Lampenfieber, von der ständigen Furcht, etwas falsch zu machen, zu straucheln, nicht zu gefallen, nicht dazuzugehören. Ein bisschen davon ist noch heute zu spüren. Wenn die Sängerin sich zwischendurch vorsichtig vom Lesetisch erhebt, wenn sie sich im raffinierten schwarzen Wollkleid und mit knielangen Stiefeln zum Barhocker bewegt, scheint jeder Schritt geplant. Wenn aber mal eine kleine Panne passiert, sie in einem Barjazz-Song kurz den Text vergisst, sie für eine Sekunde die Fassung verliert und improvisiert, kommt Bewegung in ihr glattes Gesicht.

Oft hat Rosenberg während ihrer 35-jährigen Karriere mit ihrem Image gehadert. Als Anfang der Achtziger Nena ihren Platz als „Bravo“-Covergirl einnahm, tauchte sie ab in die Berliner Anarcho-Hausbesetzer-Szene. Sie verwarf die „blöde Schlagertante“, für die man sie hielt, frisierte sich um zur Ziggy-Stardust-Schwester. In Underground-Filmen spielte sie mit, versuchte sich an der Musik von Kurt Weill, sang mit Kai Hawaii von Extra breit, mit Rio Reiser.

Auch davon erzählt sie im Buch. Und wie sie sich Jahre später, während der Aufnahmen zu einem Jazz-Album breitschlagen lässt, die alten Hits zu singen. Ein seltsames Leben im krassen Widerspruch zwischen ständigen Unsicherheiten und dem Wunsch, für ein großes Publikum da zu sein. Als ihr nach der Lesung, nach dem neapolitanischen Volkslied „Torna A Surriento“ begeistert applaudiert wird, fällt eine weitere Last von Marianne Rosenberg, löst sich die Spannung auf ihrem Gesicht. Sie hat es wieder geschafft.

Marianne Rosenberg, „Kokolores“, List Verlag, München, 288 Seiten, 19,95 €.

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