Kultur : Sing mir von den Baumwollfeldern

Außer Konkurrenz: Antoine Fuquas „Lightning in a Bottle“ fasst die Geschichte des Blues in einem Konzertfilm zusammen

Bodo Mrozek

Am Anfang strahlt ein Himmel wie ein Gemälde. Lilafarbene Wolken feiern psychedelische Orgien mit einer Magenta getönten Abendsonne. Darüber erhebt sich ein Gesang, der durch Mark und Bein geht: Afrika. Die Stimme, die „Lightning in a bottle“ einleitet, gehört Angélique Kidjo, der wohl bekanntesten afrikanischen Sängerin seit Miriam Makeba. Folgerichtig muss der Dokumentarfilm irgendwo in Afrika beginnen, denn er will, so heißt es eingangs, die Geschichte einer nordamerikanischen Musik erzählen, die in der blutigen Ära der Sklaverei geboren wurde: die Geschichte des Blues.

Am 7. Februar 2003 trafen in der New Yorker Radio City Hall die wichtigsten noch lebenden Veteranen dieser Musik zu einem gigantischen Erinnerungskonzert zusammen, darunter Buddy Guy, David „Honeyboy“ Edwards, John Hammond Jr. und die Gitarrenlegende Dr. John. Antoine Fuquas („Training Day“) begleitete das Gipfeltreffen mit der Kamera. Sein nun auf der Berlinale uraufgeführter Film (außer Konkurrenz im Wettbewerb) ist einer von sieben Blues-Filmen, die Martin Scorsese produziert. Unter den Regisseuren ist auch Wim Wenders.

Eine Bestandsaufnahme des Blues liegt nahe, kommt aber spät: Viele Größen sind tot. Auf der New Yorker Bühne müssen für John Lee Hooker oder Muddy Waters deshalb jüngere Kollegen einspringen. Das gelingt nicht immer: Die 1970 geborene Macy Gray überspielt bei ihrer Interpretation von „Hound Dog“ mangelnde Stimmgewalt mit Hektik – sie ist eben keine „Big Mama“. Am Rande der Peinlichkeit bewegen sich viele der jüngeren Weißen. Blues braucht keine Pseudo-Ekstase. Unangefochtener Höhepunkt des Konzertfilms sind denn auch die Auftritte der alten „Fat Men“. Solomon Burke, der letzte große Atlantic-Held, sitzt singend in einem Thron. Eine Geste genügt, um das Publikum aus den Sitzen zu reißen. Das gilt auch für B.B. King. Beide etablierten sich in den frühen Sechzigern, als die ländliche Musik sich in den Autostädten der Ostküste zum Rythm&Blues urbanisierte.

Leider blickt der Film hier kaum über die Bühnenshow hinaus, die für die auf Baumwollfeldern und in Coffehouses geborene, intime Musik ohnehin viel zu bombastisch ist. Das Versprechen einer Geschichte des Blues löst Fuquas nicht ein. Aber er konserviert ein paar großartige Momente – vermutlich die letzten.

Heute 23.30 Uhr (Berlinale Palast), 13.2. 18.30 Uhr (Royal) und 22.30 Uhr (International)

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