Kultur : Sing, Säbel, sing

Operettenstadt Berlin? Das Deutsche Theater wagt sich an Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“

Frederik Hanssen

Eine gute Diva ist die halbe Miete: Als Jacques Offenbach zur Pariser Weltausstellung 1867 seine „Großherzogin von Gerolstein“ herausbrachte, hatte er mit Hortense Schneider eine Primadonna, die das kecke Fräulein aus dem deutschen Duodezadel derart überzeugend (und von sich selbst überzeugt) verkörperte, dass sie ohne Probleme den „Fürsteneingang“ der exposition universelle passieren konnte. Bernd Wilms, der Intendant des Deutschen Theaters, hat sich nun Dagmar Manzel geangelt: In jungen Jahren bereits ein Star am Hause, kehrt die Schauspielerin mit der Titelrolle in Offenbachs Militarismus- und Kleinstaaterei-Parodie nun an die Stätte ihrer Triumphe zurück. Sie ist immer noch lieblich von Gestalt – und erstaunlich gut bei Stimme: Wie sie den launischen Backfisch mimt, zu dessen Plaisir die Regierung extra einen Krieg anzettelt, das hat Charme. Und wie sie ihr Auftrittslied juchzt, kann sich hören lassen. Diese höhere Tochter im Reifröckchen will Spaß – und zwar sofort.

Von Unterhaltungsdrang getrieben war auch das stark promidurchsetzte Publikum, das – operette die Stimmung, wer kann – am Mittwoch zur Premiere strömte. Intendant Wilms ist für seine Offenbach-Liebe bekannt, die deutsche Fassung, die hier gespielt wird, stammt vom Hausherren höchstselbst und beweist, dass (den nötigen Esprit vorausgesetzt) kongeniale Nachdichtungen ausländischer Lachtheaterstücke tatsächlich möglich sind. Außerdem: Warum soll man sprachwitzige Operetten wie die des „kleinen Mozart von den Champs-Elysées“ nicht mit Schauspielern realisieren, wenn die Unterhaltungsbühnen von den Politikern geschlossen und die Opernhäuser dem Genre (allen Appellen derselben Politiker zum Trotz) reserviert gegenüber stehen?

Die Chose kann funktionieren – wenn man die Spielregeln den Bedingungen des Sprechtheaters anpasst. Man darf nur nicht versuchen, Schauspieler als Sänger zu verkaufen. Mutig hinlangen darf man dagegen bei der Operettendramaturgie, um den alten Belle-Epoque-Stuck abzuschlagen und hinter der Fassade die Zeitsatiren herzuholen, als die Offenbachs Komödien einst wahrgenommen wurden. Frank Castorf und Christoph Marthaler haben genau das vorgemacht. Bei Offenbach kann man vielleicht behutsamer als bei Johann Strauß vorgehen, weil der kritische Blick schon einkomponiert ist. So, wie Regisseur Thorsten Schulte-Michels und sein musikalischer Leiter Uwe Hilprecht die „Großherzogin“ anpacken, geht es aber im Sprechtheater leider nicht.

Die Zeiten sind schwer genug, mag sich Schulte-Michels gedacht haben, schwerer als einst in der Boom-Metropole Paris: Da stellt man den skrupellosen Kriegstreiber General Bumm lieber als Hanswurst dar. Und auch der Rest des Hofstaats darf neckisch umher hüpfen, zumeist rund um Maximilian von Pufendorf, der sich als Füsilier Fritz cool alle weiblichen Avancen gefallen lässt, ein Oberlippenbartträger mit merkwürdig tuntigem Touch. Dass Fritz die Identifikationsfigur des Stücks ist, der reine Tor inmitten einer korrupten, mordlüsternen Meute, macht der Regisseur nicht deutlich. Wie ihm überhaupt jegliche Motivation abgeht, die Geschichte nach Bezügen zum Heute zu befragen. Wie naiv muss man eigentlich sein, um in diesen Zeiten ein Stück über Militarismus komplett ins Guckkastenbühnen-Märchenland zu schicken?

Also bleiben die Charaktere so dünn wie die Stimmchen der Darsteller. Niemand erwartet hier Koloraturwunder – doch hätte man die Darsteller nicht gnädigerweise mit Mikroports ausstatten können? Ohne Verstärkung der Stimmen nämlich werden die beiden Pianisten, das Streich-Quartett, die Trompeterin und der Perkussionist gezwungen, im Dauer-Pianissimo zu spielen. Wie aber soll das Auftrittslied des General Bumm Komik entfalten, wenn die komponierten Kanonenschläge samtweich hingetupft werden müssen, weil Timo Dierkes nun mal kein dröhnender Bassbariton ist, sondern nur ein singender Säbel? Ohne den geistreich organisierten Krach zündet der Witz hier nicht.

Zum guten Schluss nach drei Aufführungsstunden klaut sich das Regieteam dann noch eine Musiknummer, das Traum-Duett aus Offenbachs „Schöner Helena“. Was dort köstlichst die Seitensprungtechniken bürgerlicher Kreise persifliert, lässt hier nur an Weisheiten à la „Weißes Rössl“ denken. Die Großherzogin gibt ihren geliebten Fritz frei und ehelicht den Langweiler Prinz Paul (wunderbar tranig: Bernd Stempel), während man aus Kakanien Kaiser Franz herübertönen hört: „Lächle und begnüge dich, schweige und füge dich.“ Wenn Offenbachs lebensbejahende Vulkantänze eine Botschaft nicht transportieren, dann diese.

Weitere Aufführungen: 15., 20. und 31.Dezember sowie 3., 5., 26. und 31. Januar 2003.

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