Kultur : Sing-Sing in Ossendorf

Die Party ist vorbei. Die Zeiten sind hart. Und die Fernsehsendung zur Wirtschaftskrise heißt „Deutschland sucht den Superstar“

Harald Martenstein

Auffällig: das Schweigen der Kulturkritik. Bisher hat noch keiner der üblichen Verdächtigen seine Niedergangs-Phantasien an „Deutschland sucht den Superstar“ geknüpft. Die großen Verzweifler schweigen, obwohl die Reality-Show „Superstar“ recht ähnlich funktioniert wie „Big Brother", das kulturkritische Hassobjekt Nummer eins der letzten Jahre. Und dies, obwohl sich die Sendung in der Altersgruppe der 12- bis 20jährigen größter Beliebtheit erfreut. So sieht bekanntlich eine der letzten kulturellen Konstanten aus, die seit den Tagen von Adenauer, Adorno und Elvis Presley in Deutschland Bestand haben: was bei Kreti und Pleti beliebt ist, wird von der Kulturkritik als Volksverdummung bekämpft. Durch häufigen Gebrauch ist diese Waffe inzwischen ein wenig stumpf geworden. Manchmal bedauert man das.

„Superstar" ist zuerst in Großbritannien und den USA gelaufen, dort unter dem Titel „American Idol“. Bei der Show darf sich jeder junge Mensch bewerben, der sich für ein Gesangs- und Showtalent hält. In Deutschland waren das etwa 10 000 Leute. Eine Jury, in der unter anderem Dieter Bohlen und Thomas Stein sitzen, ein Musikchef aus dem Hause Bertelsmann, siebt aus. In der Endrunde starten die zehn angeblich größten Talente, selbstverständlich unter Berücksichtigung des Geschlechter- und Ethno-Proporzes. Das hat sich aber rein zufällig ergeben! Sie wohnen zusammen und tun so, als hätten sie sich lieb. An jedem Samstag abend wird gesungen, anschließend darf das Fernsehpublikum per Telefon einen Kandidaten abwählen.

Zurzeit sind noch fünf potentielle Superstars im Rennen: Gracia und Juliette, die Favoritinnen, zwei walkürenhafte Blondinen mit kräftigen Stimmen, Vanessa, eine piepsige Filipina mit dauerweinender Mutter, Alexander, der dem Rennfahrer Ralf Schumacher auffällig ähnlich sieht, und Daniel, ein 17jähriger Kinderpfleger aus Nürnberg mit Strubbelhaar und Woody-Allen-Brille. Daniel kann noch weniger singen als Vanessa, bringt aber Witz, eine skurrile Persönlichkeit und ausgeprägte Performer-Qualitäten ins Spiel. Darüber, ob einer wie Daniel ein Star sein darf, wird im Internet und in der „Bild"-Zeitung eine ebenso lebhafte wie anrührende Debatte geführt. Er bekommt angeblich sogar Drohbriefe.

Im medialen „Superstar“-Diskurs dominiert das beruhigende Argument: Das hat es immer schon gegeben. Den Sängerwettstreit, das Casting, streng, brutal, aber unvermeidlich. Im Film „A Chorus Line“ wird es ja gezeigt. Die Plattenfirmen tun es sowieso. Ziemlich viele Popgruppen sind auf diese Art entstanden. Im „Stern“ und ein paar anderen Blättern wurde „Superstar“ mit der Pisa-Studie und dem Comeback des Leistungsprinzips in Verbindung gebracht. Jahrelang hat man in Deutschland, wenn zum Beispiel in der Schule die Leistung nicht stimmte, einfach das Anforderungsniveau gesenkt. Jetzt sieht man, dass es so nicht geht. Man muss sich im Leben schon ein bisschen Mühe geben. Man darf auch Leute scheitern lassen, wenn sie es partout nicht bringen.

Bei „Big Brother“ zählte die Persönlichkeit, bei „Superstar“ soll die Leistung zählen. „Superstar“ ist, mit anderen Worten, ein Beitrag der Popkultur zur Wirtschaftskrise, zum Abbau staatlicher Versorgung, zur Wende ins Knäppliche. Der Druck wächst, du mußt jetzt sehr stark sein, außer dir selbst hilft dir keiner. The party is over - und „Superstar“ ist die Party zum Ende der Party.

Von Dieter Bohlen stammt die Bemerkung, dass jemand wie er bei einem solchen Wettbewerb keine Chance hätte. Zu schlechte Stimme. Etwas Ähnliches hat die britische Autorin Julie Burchill über die britischen „Idols“ geschrieben: Ein echter Superstar wie Madonna wäre schon in der Vorrunde gescheitert. Zu eigenwillig. Zu rotzig. Nicht formbar genug.

„Superstar“ tut so, als könne man das Prinzip Demokratie von der Politik in die Popmusik übertragen. Pop ist aber nicht demokratisch, sondern so ungerecht wie alles andere im Leben. Es sind gerade nicht die Besten, die hochkommen. Neben der „Leistung“, wie auch immer man sie messen mag, stehen die noch schwerer kalkulierbaren Kriterien „Aura“ und „Charisma“. Das, was die echten Superstars in ihrer großen Zeit ausmacht, Leute wie Elvis Presley, Michael Jackson oder eben Madonna, ist eine Mischung aus Verletzlichkeit und sexueller Anziehungskraft. Sie wecken beides, Allmachtsfantasien und Beschützerinstinkte. Sie sind gleichzeitig ganz groß und ganz klein. Man kann zu ihnen aufschauen und sich trotzdem mit ihnen identifizieren. Das bedeutet es, ein Star zu sein.

Man darf die „Superstars“ nicht an den echten Superstars messen, das wäre unfair. Trotzdem – was bei ihnen als erstes auffällt, ist die fast völlige Abwesenheit von Aura. Es ist diesmal noch extremer als bei den beiden letzten Versuchen, aus denen die Bands „No Angels“ und „Bro’Sis“ hervorgegangen sind. Bei der Demokratisierung der Popkultur kommt offenbar ein ähnlicher Typus nach oben wie in der Politik der letzten Jahre. Sie sind alle ehrgeizig und kompetent, aber verdammt leicht zu verwechseln. Was wollen sie eigentlich? Auf diese Frage wissen sie alle nur eine einzige Antwort: gewinnen. Alexander kann man sich gut als Vorsitzenden der Jungen Union vorstellen, Gracia oder Juliette wären beide prima SPD-Staatssekretärinnen, Vanessa kommt gut als Nesthäkchen in der grünen Bundestagsfraktion. Und Daniel, der geistige Vertreter der FDP, spielt den Spaßvogel schon jetzt allzu routiniert.

Aber was heißt schon „Demokratisierung“. Die Ergebnisse der „Wahlen“ sind nicht überprüfbar, es werden nicht einmal Prozentzahlen bekannt gegeben. Im Vergleich zu RTL war die DDR eine Musterdemokratie – die Ergebnisse waren gefälscht, aber man erfuhr wenigstens welche. Dass in Wirklichkeit Bertelsmann über Sieger und Verlierer entscheidet, ist eine Behauptung, die RTL bis heute nicht überzeugend widerlegt hat. Als der Mitfavorit Daniel Lopes anfing, ein Risikofaktor zu werden – unter anderem wegen seines überdurchschnittlichen sexuellen Appetits, an sich eines der klassischen Starattribute –, wurde er auffällig schnell aus dem Verkehr gezogen.

Zur Superstarbiographie gehört immer der Augenblick des Skandals, der kleine Tabubruch, die befreiende Geste – das zuckende Becken von Elvis, die langen Haare der Beatles, der Exhibitionismus von Madonna, die rassistischen Texte von Eminem. Der Star ist in seiner ersten Phase gerade nicht mehrheitsfähig. Seine erste Gemeinde ist wie, eine Sekte, bevor er – der Freak, der Rebell, der Exot – schließlich die Mitte der Gesellschaft erobert. Er bewegt sich vom Rand der Gesellschaft zum Zentrum, nie umgekehrt. Deshalb kann es keine demokratisch gewählten Stars geben. Wenn man es versucht, wirkt das Ergebnis ein bisschen wie Wolfgang Gerhardt oderFranz Müntefering, nur jünger und anders angezogen.

Zu den Prinzipien solcher Shows gehört es, dass die Kandidaten nichts Eigenes singen. Für jeden Abend wird ein Motto vorgegeben – Bigbands, Musical, 80er Jahre –, die Kandidaten suchen sich dann aus dem Fundus einen Song aus, meist einen berühmten. Eine „eigene Note“ sollen sie ihrem Vortrag durchaus geben, Kopien des Originals sind unerwünscht. Eine eigene Note, aber nichts wirklich Eigenes: So stellt die Show ausgerechnet das Grundprinzip jeder Starexistenz auf den Kopf: die Originalität. Was bleibt vom Star übrig, wenn man ihm das Außerordentliche wegnimmt, das Besondere, das Individuelle und Skandalöse? Er wird ein ausführendes Organ, ein leitender Angestellter.

Jeder echte Superstar steht für einen Traum, eine Utopie. Die Utopie von „Deutschland sucht den Superstar“ heißt: auch die letzte Kündigungswelle zu überstehen und am Ende unkündbar zu sein. Und warum? Weil man sich den betrieblichen Anforderungen am besten angepasst hat.

Doch, doch, für die Kulturkritik wäre bei den „Superstars“ durchaus etwas zu holen.

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