Kultur : Singen mit Zinseszinsen

STEPHAN MÖSCH

Mit 21 war er schon Göttervater: in Troppau.Da wären wir wirklich gerne dabeigewesen, als Hans Hotter zum erstenmal als Wanderer durch Wagners "Siegfried" streifte.Noch zur Zeit von Flügelhelm, Bärenfell, Pappfelsen und großen Gesten.Nein, das Singen, die Riesenpartie, die Blechbläser, das wären schon damals keine Probleme gewesen, plauderte er später gerne aus - aber vom Spielen hätte er halt überhaupt keine Ahnung gehabt.Später dann, zur Zeit von Kreis, Scheibe, Lichtschneisen und kleinen Gesten haben ihm Wieland Wagner und Günther Rennert die Ahnung davon vermittelt.So wurde er Göttervater vom Dienst: Wotan weltweit, ein zärtlicher, zaudernder, zerrissener Riese, alles wissend über die Kniffe und Klippen der Rolle, alles beherrschend mit seinen 1,92 Meter und natürlich mit seiner vokalen Autorität.

Aber das ist nur ein kleiner Teil von Hans Hotters Künstlerleben, eben der vielfach dokumentierte, oft beschriebene.Blicken wir heute nicht viel faszinierter auf die Anfangsjahre? Klingen sie nicht wie ein Märchen aus fernen, schönen, irgendwie richtigen Zeiten? Wie im Märchen ist alles ein bißchen unglaubwürdig, aber es stimmt und vor allem: Es zeigt uns, was heute fehlt.Zweieinhalb Jahre hat Hotter studiert: bei dem Wagner-Sänger Matthias Römer.Dann war er gleich in der ersten Opernrolle fehlbesetzt: als Fafner in Lindau.Geschadet hat es seinen Stimmbändern nicht.Auch nicht die Ochsentour über Passau, Troppau, Breslau nach Prag.Auch nicht die Partien, die er in einem Alter sang, in dem andere mit zwei Mozart-Arien ihr Grundstudium abschließen: Amfortas, Jochanaan, Amonasro.Das alles hat ihn nicht nur gefordert, sondern gefördert.

Nebenbei lernte er auch den Dirigenten George Szell kennen und Clemens Krauss und lernte überhaupt von allen, denen er begegnete.Mit 25 war er reif für Hamburg, vertiefte, verfeinerte sein Repertoire, entdeckte den Boris Godunow, den Jago aus Verdis "Otello", Mozarts Don Giovanni für sich, merkte wohl auch, wie herrlich ernsthaft er komisch sein konnte.Seit 1937 gehörte er fast 40 Jahre zur Bayerischen Staatsoper: Nestwärme für den zufällig in Offenbach geborenen, bekennenden Bajuwaren.Alles so, als sei es der selbstverständlichste Weg der Welt, als gehöre Wachsen, Wechsel und Werden einfach dazu.Aber alles nur, weil bei Hotter nichts selbstverständlich war, sondern Rarissimum.

Wer heute wissen will, wie glanzvoll Hotters Glanzzeit wirklich war, der hat zwei Möglichkeiten: Entweder er hört die Aufnahmen aus den Kriegsjahren, in denen die Stimme über Kern und Farben verfügt wie später nicht mehr.Den ins Monumentale gesteigerten, dabei hochsensiblen Holländer.Oder den verschmitzten Falstaff.Oder die Monologe von Hans Sachs (eine Rolle, die er als Ganzes von der Lage her nicht mochte): Da mischen sich Hotters Fähigkeit, auf dem Atem zu singen, seine weich modellierte Kantabilität und sein deklamatorischer Feinsinn zu Jahrhundertsformat.

Man kann den allerbesten Hotter aber auch nachlesen.Nicht unbedingt in seinen offenen, anekdotensatten Memoiren, sondern in den Noten.Richard Strauss ist nicht nur am Klavier mit Hotter ganze Liedgruppen durchgegangen, sondern er hat den Olivier im "Capriccio" auf dessen Baßbariton zugeschneidert.Da findet man alles Wissenswerte über Donneremphase und lyrische Poesie, Höhen- und Tiefenvolumen und lyrische Poesie, Artikulationsfinessen und Legatokultur der jungen Stimme.

Aber auch im Alter ist Hotter glaubwürdig geblieben.Hat den Schigolch in der "Lulu" nicht nur astmatisch gekeucht, wie es vorgeschrieben ist, sondern mit Wärme gesungen.Hat Schoenbergs "Moses" und die "Gurrelieder" ehrlich und empathisch gesprochen.Hat vor allem seine große Liebe, das Kunstlied, weitergepflegt und wagte sich auch 1982 noch an die "Winterreise".

Wichtiger als der Regisseur Hotter, mit dem in den 60er Jahren doch eher ein großer Name als ein großer Szeniker eingekauft wurde, ist der Lehrer Hotter.Was er seinen Schülern mitgegeben hat? Vor allem, was ihn selbst auszeichente: Ernsthaftigkeit, Selbstvertrauen, Demut vor dem Werk und das Singen mit "Zinseszinsen".Da hatte er, dessen schieres Volumen, auf eine Gesangsklasse verteilt, immer noch ein halbes Dutzend brauchbarer Einzelstimmen abgegeben hätte, freilich leicht reden.

Die Bachkantate "Ich habe genug" sei wohl seine gelungenste Aufnahme, meinte er einmal.Wir konnten nie genug haben von dieser Stimme - und gratulieren dankbar.

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