Kultur : Singende Maschinen

Bodo Mrozek

lauscht den Folgen der Industrialisierung Wenn bei der Entwicklung der Popmusik Städte ein wichtige Rolle spielen, dann rangiert Manchester dabei auf einem der vorderen Plätze. Für die postindustrielle Musik ist die nordenglische Maschinenstadt das, was Oberammergau für die Blasmusik und Hameln für die Geschichte des Flötenspiels ist: ein Gründungsort. Die Spätfolgen des Manchesterkapitalismus, der ja heute wieder in aller Munde ist, waren schon in den Sechzigern zu besichtigen, als Bands wie Herman’s Hermits oder Freddy & the Dreamers für den Manchesterbeat standen.

Diese Musik produzierte Hits am Fließband wie weiland die Webstühle ihre Tweedstoffe. Doch erst 1976 schrieb der Amerikaner Monte Cazazza an seinen Musikerkollegen Genesis P-Orridge einen folgenschweren Brief, in dem er das geflügelte Wort „industrial music für industrial people“ in die Welt setzte. Der Slogan fasste zusammen, was Bands wie Throbbing Gristle oder die Einstürzenden Neubauten als ästhetisches Konzept umsetzten: ein lärmender Sound, der mehr nach Geräusch klang als nach herkömmlicher Musik und in Performance-artigen Sessions auch Literatur und Kunst in die Musikmaschine einverleibte.

Heute sind diese unter dem Begriff „Industrial“ zusammengefassten Bands ebenso populär wie der Manchester zugeschriebene Liberalismus. Beides ist jedoch nur schwer genießbar: Der Neo-Liberalismus, weil er meist von frisch bekehrten Eiferern gepredigt wird, der Neo-Industrial-Sound, weil er eine ziemlich anstrengende Angelegenheit ist, die nur hartgesottene Ohren ertragen. Meat Beat Manifesto sind da eine Ausnahme. Obwohl die kalifornische Band als Industrial-Legende gilt, macht sie eine durchaus tanzbare Musik. Sie zählt Björk und die Nine Inch Nails zu ihren Fans, selbst die Techno-Szene huldigte ihr. Vom Krach haben sich Meat Beat Manifesto längst verabschiedet und sich stattdessen poppigen Melodien zugewandt, tanzbar ist die 1986 gegründete Kapelle noch immer. Wenn sie heute (23.9.) um 21 Uhr in der Maria am Ufer (Stralauer Platz 34) spielt, dann ist dies nicht nur die seltene Gelegenheit, ein Urgestein der Technomoderne zu hören. Man kann den Abend auch als Lehrstunde der Industrialisierung der Musik begreifen. So wird selbst der Manchester-Kapitalismus genießbar.

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