Kultur : Sinn am Bau

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 Marleen Stoessel über die innere Dynamik des HolocaustMahnmals

Wer vor Jahren, womöglich in  der Dunkelheit, zwischen Brandenburger Tor  und Potsdamer Platz auf das Brachfeld stieß, das wie eine aufgerissene Wunde klaffte, den konnte die schiere Leere als „Realsymbol“ unserer Geschichte überwältigen – und die Ansicht, dass kein Monument dieses ungestalte Schweigen zu übertönen vermag. Ein Unort inmitten von Berlin und Europa, der über den Zivilisationsbruch des vergangenen Jahrhunderts wahrer sprach als alle Debatten, die diesem Makel mahnende Gestalt zu geben versuchten.

Längst aber haben sich die Bauarbeiter der Geschichte ans Werk gemacht – die Diskussion für oder gegen das „Holocaust-Mahnmal“ nun noch mal zu beginnen, wäre absurd. Zu unabweisbar der sinnliche Eindruck des Baugeländes, in dem über weite Teile bereits dicht an dicht megatonnenschwere Betonstelen verschiedener Größe hervorragen. Einzelne Gruben wie Gräber ausgehauen, einige Felder des nördlichen Geländes noch in Rechtecken markiert – wie Zeichen von Gräbern auch sie, und erstmals geht da ein Sinn auf, den manche Kritiker des Projekts bislang vergeblich suchten: Dies ist ein monumentales Massengrab, ein entstehender Friedhof, ja, mit den zur Mitte hin riesenhaft anwachsenden Stelen fast eine mythische Totenstadt. Mitnichten also ein „wogendes Ährenfeld“, wie uns die Vision des Architekten Eisenman suggerierte. Anders als dessen in warmen Ockertönen werbende Modell-Abbildungen – wirken die Stelen in ihrem bleiern-massiven, hart abweisenden Grau wie überdimensionale Grabsteine, als deren gemeinsames Epitaph man plötzlich den berühmten Chorvers aus der „Antigone“ imaginiert: „Ungeheuer ist viel. Doch nichts/ Ungeheuerer als der Mensch...“

Wie anders auch gedacht, so unabweisbar überwältigend dieser Eindruck eines alle Maße übersteigenden Massengrabs, von dem unterirdisch auch eine Linie zu jenem fast unsichtbaren leeren Büchergrab am Bebelplatz zu führen scheint, das derzeit als einsamer, seine nackte rostige Unterseite zur Schau stellender Kubus inmitten einer anderen Baustelle, der für eine künftige Tiefgarage, ruht.

Wenn Sinn mit seiner sichtbaren Darstellung auch seinen unterirdischen Gegensinn meint und umschließt, so ist er hier am Werk: als Netzwerk, das sich unsichtbar bis zur „Topographie des Terrors“ (eine Dauerbaustelle mit hohem Signalwert!) und dem Jüdischen Museum mit seinem architektonischen Mahnmalscharakter dehnt; ein Netz auch über den Bebelplatz hinaus bis zum Schlossplatz, wo, wollte man nur einmal das Gegenbild aufrufen, der Herzschlag einer wieder vereinten, fremden- und gastfreundlichen europäischen Kulturnation hörbar werden könnte. Wem nun aber nicht aufgeht, dass das Mahnmal als symbolischer Friedhof das Maß hat, aller Opfergruppen der Naziherrschaft zu gedenken, dass die Stelenstätte sich inzwischen wie von selbst umzuwidmen beginnt, der hat kaum verstanden, dass nicht nur in jedem Menschen das „Ungeheuere“ schlummert. Auch jedes einzelne Leid gilt absolut, einmalig, unrelativierbar. Doch in jedem Angriff auf die Menschenwürde, in jedem einzelnen Opfer ist immer die ganze Menschheit gemeint.  Das ist die Botschaft der Baustelle, schon jetzt.    

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