Kultur : Sinn und Sinnlichkeit

Kino (1): Der Bomber als Ikone und Stolz der amerikanischen Nation – „B-52“, ein Dokumentarfilm von Hartmut Bitomsky

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Schön ist er. Sein schnittiges Design funkelt in der Sonne, sein perfektes Innenleben übertrumpft die Konkurrenz, seine Flughöhe von 15 Kilometern macht ihm so schnell keiner nach. Ein Pionier der Luftfahrt: B-52, der Himmelstürmer voller Superlative.

Hässlich ist er. Als grauer Vogel mit stumpfen Flügeln fristet er sein Restleben in der Wüste von Arizona, reif fürs Museum, den Schrottplatz: B-52, ein Dinosaurier der Luftwaffe. Der Bomber, der diese Gegensätze in sich vereint, war die Abschreckungswaffe des Kalten Krieges und ist bis heute im Einsatz: in Vietnam, im Golfkrieg, im Kosovo, in Afghanistan. Der Gegner weiß genau: Wenn die B-52 losfliegt, meinen die USA es Ernst. Und losfliegen kann sie jederzeit, zu jedem beliebigen Ziel – Auftanken in der Luft macht’s möglich. Wer weiß, ob der Bomber demnächst nicht im Irak eingesetzt wird.

Der Dokumentarist Hartmut Bitomsky portraitiert den Stolz der amerikanischen Nation wie ein menschliches Wesen: als Star und Arbeitgeber, Kriegstreiber und Friedensstifter, Ikone, Mythos, Projektionsfläche. Ein Symbol, das man anfassen kann. Dabei geht Bitomsky weder wie ein Hagiograf vor noch wie ein Friedensbewegter. Neugierig befragt er Piloten, Veteranen und überlebende Opfer und recherchiert die Story seines Helden: die Geburtsstunde, 1947 in einem Hotelzimmer, die ersten Tests, die Umrüstung für konventionelle Kriegsführung, die Zukunft in Form von Recycling – Devotionalienhandel und B-52-Skulpturen inklusive. Eine tragische Biografie. Ja, dieses Militär-Monstrum wird immer noch sorgfältig gewartet, obwohl die Ära der Demilitarisierung längst eingeläutet ist. Und für seinen eigentlichen Zweck, den Abwurf von Nuklearwaffen, wurde der Bomber nie eingesetzt. Gekämpft hat er immer nur mit halber Kraft.

„Manche Probleme“, sagt Bitomsky, „können nur mit einem gewaltigen Knall gelöst werden.“ Die B-52 war mit der Lösung solcher Probleme beauftragt. Zwischen dem 18. und 29. Dezember 1972 wurden bei 730 Einsätzen über Hanoi 15000 Tonnen Sprengstoff abgeworfen. Die Vietsen nennen den Vietnamkrieg übrigens Amerikakrieg: Bitomsky fallen solche Kleinigkeiten auf. Er eifert nicht, klagt nicht an, vermeidet pro- wie antiamerikanische Propaganda. Lieber nähert er sich dem Bomber so, dass er sinnlich fassbar wird. Der vergängliche Glanz des Metalls. Das Übergewicht der Flügel, das sie vor dem Start zu Boden drückt. Die Gewalt, die in ihm steckt. Die phallische Form. Die PinUps – so genannte „Nose Art“ –, mit denen manche Flugzeugspitze liebevoll bemalt ist.

Die längste Sequenz des Films ist der Verschrottung der B-52 gewidmet: der unglaublichen Schwierigkeit, die Vernichtungswaffe mit Kran und Schaufelbaggern ihrerseits zu vernichten. Sie wehrt sich dagegen: Man sieht es – und hat Mitleid. Und dann sagt Bitomsky, wieder aus dem Off, dass die Wunderwaffe des Kalten Krieges weiterleben wird und dass sie obsolet geworden ist.

Kein Lehrfilm. Und deshalb lehrreich. Eine politische Haltung, begreift die Zuschauerin, ist nur dann kein billiger Spruch, wenn sie Feindberührung riskiert. Sinn und Sinnlichkeit: Bitomskys Nahaufnahme enthält Momente der Faszination. Auf den Leim geht er ihr nicht. Christiane Peitz

Eiszeit, Steinplatz-Kino, Hackesche Höfe

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