Kultur : Sinn und Wahn

Zum Tod des Filmregisseurs Ken Russell.

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In Zeiten des Umbruchs braucht die Welt Exzentriker. Als Ken Russell 1970 einen Film über Tschaikowskij drehen wollte, winkten die Produzenten ab. Klassische Musik im Kino, das klang nach Kassengift. Doch der Regisseur überzeugte sie mit einer Skizze des Plots: „Es geht um eine Nymphomanin, die sich in einen Homosexuellen verliebt.“ „Tschaikowskij – Genie und Wahnsinn“ wurde ein Film, auf den er bis zuletzt stolz war.

Russell war von Musik besessen, und wie kaum ein anderer Filmemacher gelang es ihm, Hoch- und Popkultur miteinander zu versöhnen. Auf seine Erfolgsoper „Tommy“ nach dem gleichnamigen Album von The Who ließ er „Lisztomania“ folgen, einen plüschigen Historienfilm, in dem sich Who-Sänger Roger Daltrey wie ein Rockstar des 19. Jahrhunderts aufführte. Russells Filme waren barock und bildgewaltig, man musste sie hassen oder lieben. „Realität ist ein Schimpfwort für mich“, hat er gesagt. „Ich weiß, für die meisten Menschen gilt das nicht, aber ich bin einfach nicht interessiert an Realität.“

Der Schuhmachersohn, 1927 in Southampton geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Fotografen, bevor er für die BBC Dokumentarfilme über Richard Strauss oder die Tänzerin Isidora Duncan verwirklichte. Sein Kinodebüt „Das Milliarden Dollar Gehirn“ war ein großer Spionagespaß, in dem Michael Caine den Kampf gegen böse Sowjets aufnahm und schockgefrorene Leichen auftauchten. Den Durchbruch schaffte Russell 1969 mit der D.H.Lawrence-Adaption „Liebende Frauen“, einer Beschwörung der Sinnlichkeit in Zwanziger-Jahre-Kostümen, für die Glenda Jackson den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann. „Die Teufel“ wurde 1971 ein Skandalerfolg. Religiöse Hysterien von Nonnen des Mittelalters, nachgespielt in einer Orgie aus Nacktheit und Blasphemie.

In Hollywood drehte Russell in den achtziger Jahren den Thriller „Crimes of Passion“ und „Gothic“ über Mary Shelleys „Frankenstein“. 2007 machte er Schlagzeilen, als er im englischen Fernsehen bei „Big Brother“ eincheckte. Am Sonntag ist Ken Russell mit 84 Jahren gestorben. chs

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