Kultur : Sinnlichkeit in Einbrennlack

Bernhard Schulz

Wenn Aluminium leuchtet: Farbige Wand- und Bodenobjekte des amerikanischen Minimalisten in einer Ausstellung des Sprengel Museums HannoverBernhard Schulz

Den vielleicht radikalsten Angriff auf die überlieferten Werte der europäischen Kunst hat seit den frühen sechziger Jahren die amerikanische minimal art vorgetragen. Jedwede Illusion, ob durch Darstellung oder assoziative Titel, jede Handschrift des Künstlers, ob durch Komposition oder mittels Materialbearbeitung, sollte ausgeschaltet werden zugunsten eines nicht mehr weiter reduzierbaren So-Seins des Werkes, seiner bloßen Faktizität. "Man sieht das, was man sieht", hat das der Maler Frank Stella einmal in gebotener Kürze ausgedrückt.

Der Begriff der minimal art ist, wie alle kunsthistorischen Schubladenbegriffe, nie ganz trennscharf gefasst gewesen, um so weniger, als die einzelnen Künstler deutlicher in ihrem Gesamtwerk hervortreten. Zwei der bedeutendsten Vertreter des Minimalismus sind bereits verstorben, Dan Flavin und Donald Judd. Ihre Lebensleistungen lassen sich im Ganzen überblicken. Überraschungen sind, trotz des reduzierten Repertoires der minimal art, durchaus zu gewärtigen. Eine solche Überraschung bietet die Ausstellung "Donald Judd. Farbe" im Sprengel Museum Hannover.

Der wortkarge Titel nennt sie bereits. Es ist dies der Zugang, den die Ausstellung zum µuvre des 1994 verstorbenen Judd über die Farbe gewinnt. Gerade die Farbe hat man gemeinhin nicht in Judds Skulpturen gesehen. Seine gleichförmigen, makellosen Gebilde aus rechtwinklig verschraubten Aluminium- und Plexiglasteilen, diese "Kästen" auf dem Boden oder an der Wand, führen Materialität vor, bilden und bestimmen Raum, aber brillieren nicht durch Farbigkeit. Das trifft in der Tat für viele der grundsätzlich "Ohne Titel" belassenen Arbeiten zu. Doch Judd, der Philosophie und Kunstgeschichte an der New Yorker Columbia-Universität studiert hatte, ehe er sich der Kunst zuwandte, hat "Material, Raum und Farbe" unmissverständlich als "die Hauptaspekte der bildenden Kunst" bezeichnet und sich mehr und mehr mit dem dritten Aspekt beschäftigt. Knapp dreißig Arbeiten, in denen Farbe eine herausragende Rolle spielt, werden in Hannover gezeigt und erlauben erstmals einen zusammenhängenden Blick auf diesen Teil des Juddschen µuvres.

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut, wie es sich angesichts der künstlerischen Entwicklung anbietet. Gleichwohl ist es ein Charakteristikum der minimal art, Zeitlichkeit so weit als möglich zurück zu drängen und Aussagen von zeitloser Gültigkeit zu machen, eben weil die Arbeiten über sich selbst nicht hinaus weisen wollen. Die Ausstellungsgestaltung trägt dem mustergültig Rechnung. Selten war eine so durchdachte, eine ihrem Gegenstand so kongeniale Präsentation zu bewundern. Das Raumkontinuum, in das Kurator Dietmar Elger den großen Saal des Museums durch Trennwände verwandelt hat, erlaubt die Konzentration auf die einzelne Arbeit und auf Werkgruppen, macht aber vor allem die großzügig verteilten Skulpturen in ihrer Gesamtheit zum Erlebnis.

Judd arbeitete anfangs mit Sperrholzquadern mit röhrenförmiger Vertiefung, teils bereits in Aluminium ausgeführt, und mit Eisen- oder Aluminium-Arbeiten in mathematisch bestimmter, eben nicht "komponierter" Reihung. Holz und Metall leuchteten fallweise karmesinrot, um die Präsenz des Körpers im Raum zu verstärken. Sockel oder Rahmen lehnte Judd ab. Im Aluminium fand er sein wichtigstes Material, das in der Brillanz der Oberfläche jede als Handschrift missverständliche Eigenart meidet. Seit den achtziger Jahren kamen zu den auf dem Boden stehenden oder senkrecht übereinander an der Wand montierten "Boxes" Objekte aus miteinander verschraubten, monochromen Aluminiumkästen in den Standardmaßen von 30, 60 oder 90 Zentimetern hinzu. Das einbrennlackierte Aluminium leuchtet in einer Farbskala, die von kühlen Tönen wie Braun, Stahlblau und Türkis bis zu wärmeren wie Grasgrün, Maisgelb und Signalrot reicht. Die Kombination der Farben der aneinander geschraubten Teile scheint willkürlich. Zwar hat Judd in einem zentralen, im begleitenden Katalog erstmals in deutscher Übersetzung abgedruckten Essay zur "Bedeutung der Farbe" betont, er wolle nicht, "dass die Kombinationen harmonisch würden". Doch fügt er hinzu: "Im Gegensatz dazu wollte ich auch nicht, dass sie unharmonisch würden, was sich weniger leicht vermeiden lässt. Ich wollte, dass alle Farben gleichzeitig vorhanden sind. Ich wollte nicht, dass sie sich miteinander verbinden. Ich wollte eine simultane Vielfalt, wie ich sie zuvor nicht gekannt hatte."

Treffender kann man die Qualität dieser Wandobjekte und die ihnen innewohnende Spannung nicht beschreiben. Die "simultane Vielfalt" der Farben fasziniert, gerade weil sie nichts außer ihr Liegendes meint. Keinerlei Bilder, keinerlei Assoziationen werden wach gerufen. Diese Kunst sieht nicht aus "wie" etwas Anderes. Sie ist. Das haben Verächter der minimal art immer zum Vorwurf gemacht. In Hannover lässt sich hingegen erleben, wie Material, Raum und hier vor allem Farbe zur reinen Anschauung gebracht werden können. Damit steht das Werk Donald Judds - wie er selbst zuletzt auch einräumte - in einer europäischen Tradition, die freilich in den USA ihre konsequente Fortsetzung erfuhr. Selten ist der mimetische Impuls der Kunst so weit zurückgedrängt worden. Und doch sind keine bloßen Kopfgeburten herausgekommen, sondern Kunstwerke von einer ganz erstaunlichen, einer begriffslosen Sinnlichkeit. Sie ist das Ereignis der Hannoverschen Ausstellung.Hannover, Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, bis 30. April. Katalog im Hatje Cantz Verlag, Hardcover 40 DM, im Buchhdl. 58 DM.

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