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Neue Ufer: Matthias Lilienthal übernimmt das Hebbel Theater

Peter Laudenbach

Das hat es seit 13 Jahren nicht gegeben: eine Pressekonferenz im Berliner Hebbel Theater ohne Nele Hertling – die Frau, die das Haus 1989 übernahm und zur profilierten Gastspielbühne für zeitgenössisches Theater, Tanz und neue Oper machte. Jetzt sitzt auf dem Podium neben dem Kultursenator, dort, wo die machtbewusste Prinzipalin sonst thronte, Matthias Lilienthal. Er wird das Hebbel Theater ab September 2003 für zunächst drei Jahre leiten und gleichzeitig die künstlerisch-organisatorische Fusion mit dem Theater am Halleschen Ufer und dem winzigen Theater am Ufer, zwei kleinen Off-Bühnen in der Nachbarschaft, vollziehen. Lilienthals neue Aufgabe ist alles andere als leicht. Er muss das in den letzten Jahren ein wenig ins Abseits geratene Theater neu positionieren, ein neues, größeres Publikum finden, als es Hertling zuletzt gelang und zumindest in Teilen die Ansprüche der Berliner Off- und Tanz-Szene befriedigen: Die hatte bisher im Theater am Halleschen Ufer ihren Auftrittsort. Er muss, mit anderen Worten, das Hebbel Theater neu erfinden.

Mit solchen Neuerfindungen hat der 42-Jährige Erfahrung. Lilienthal war acht Jahre lang Frank Castorfs Chefdramaturg und Stellvertreter an der Berliner Volksbühne. Der Erfolg und die politisch-ästhetische Radikalität dieses Theaters ist zu nicht geringen Teilen sein Verdienst. Nach dem Ausstieg an der Volksbühne leitete er dieses Jahr mit ähnlich nachdrücklich politischem Interesse das internationale Großfestival „Theater der Welt.“ Beide Arbeitserfahrungen werden in sein Hebbel Theater einfließen, auch wenn ihm nichts ferner liegt, als in der Stresemannstraße eine Kopie der Volksbühne zu etablieren. Seit klar war, dass Nele Hertling das von ihr geformte Theater verlassen würde, galt Lilienthal als einer der Wenigen, dem man diesen Job zutraute. Schon vor längerer Zeit hatte ihn die Findungskommission um Ivan Nagel vorgeschlagen.

Radikal muss sein

Dass sich die Vertragsverhandlungen in die Länge zogen, lag, wie könnte es anders sein, am Geld. Um das Haus neu zu definieren und die Fusion mit den Off-Bühnen künstlerisch sinnvoll zu gestalten, schien Lilienthal eine Etaterhöhung um 500.000 Euro unabdingbar. Der Kultursenator konnte oder wollte sie ihm nicht gewähren, jetzt versucht das Haus unterfinanziert und mit der Suche nach vielen Koproduzenten, Drittgeldern und günstigen Produktionsformen den Neubeginn. „Es bleibt dabei“, sagt Lilienthal bei der Pressekonferenz in Richtung des unverbindlich lächelnden Senators, „uns fehlen 500000 Euro.“

Inhaltlich setzt Lilienthal auf eine Verjüngung und Politisierung des Programms und darauf, sich auf die Kreuzberger Umgebung des Theaters einzulassen. Zu den ersten Projekte seiner Intendanz sollen Exkursionen durch Kreuzberg und Friedrichshain gehören, die Biografien von türkischen und osteuropäischen Immigranten thematisieren: Theater als soziale Recherche, die Internationalität nicht nur in Gastspielen der Stars des Welttheaters sucht. Die Zeit dafür erscheint Lilienthal günstig: „Jetzt, wo im hippen Mitte die ökonomische Krise tobt und viele Leute wieder billige Wohnungen brauchen, rückt Kreuzberg vielleicht wieder ins Zentrum.“ Der Intendant als Krisengewinnler, was Lilienthal nie bestreiten würde: „Zum Theater gehört ein positiver Begriff von Opportunismus – also muss man Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten." Weil er Theater als sozialen Ort begreift,will er das Hebbel Theater mit der Kreuzberger Kulturszene, von der EndArt-Galerie in der Oranienstraße bis zu türkischen HipHoppern, zu vernetzen, vielleicht entsteht so ja eine Form subkultureller Öffentlichkeit.

Shakespeare für Slacker

Auch bei den internationalen Gastspielen setzt Lilienthal deutlich andere Akzente als seine Vorgängerin. Eine kleine Sensation ist, dass es ihm gelungen ist, eine der derzeit wichtigsten europäischen Truppen erstmals mit einem großen Gastspiel nach Berlin zu holen: Mitte Oktober wird die Gruppe Hollandia ihr opulentes Stück „Fall der Götter“ im Hebbel Theater zeigen – eine Inszenierung, die sich an Viscontis Film „Die Verdammten“ anlehnt und nach den Verwicklungen der Familie Krupp mit dem deutschen Faschismus fragt.

Ein zweites großes Gastspiel kommt aus New York: Eine Arbeit von Richard Maxwell, „was vor zwanzig Jahren Robert Wilson war, ist heute für mich Maxwell“, schwärmt Lilienthal. Von dem spröden Avantgardisten konnte man vor drei Jahren bei „Theater der Welt“ eine verstörende Arbeit sehen. Jetzt kommt seine Adaption von Shakespeares „Heinrich IV.“ – mit postmodernen Slacker-Antworten auf Shakespeares Schlachtszenen. Noch eine gute Nachricht hast der neue Hebbel-Chef: Die engen, bein- und sichtfeindlichen Sitzreihen werden lockerer positioniert: „Wir machen Ihre Beine frei“ (Lilenthal). Und überhaupt: „Mit uns wird hier alles besser.“ Klingt doch gut.

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