Kultur : Sirene unserer Tage

Kathrin Angerer, Schlampenkönigin der Volksbühne, spielt in „Madrid“ ihre erste Kinohauptrolle

Jan Schulz-Ojala

Womit sie die Männer so verrückt macht? Mit allem, was Männer verrückt macht. Dem dunklen Haar zum Beispiel, irgendwie zu wild zum Frisieren. Oder dem Schmollmund, der sich für Millisekunden ins Spöttische ziehen kann. Oder dem Schlafzimmerblick, diesem lauernd trägen, der gute und böse Absichten unnachahmlich verschleiert. Vor allem aber mit ihrer Stimme: halbhohes Timbre, sanft nasaler Singsang, rauh, zart, durchdringend ungestützt. Schöne Sirene unserer Tage: Hatte nicht der auf den Meeren irrfahrende superkluge Odysseus einst seiner Mannschaft die Ohren mit Wachs versiegelt und sich am Mast festbinden lassen, um zu genießen – und zu widerstehen?

Das erste, was Kathrin Angerer, im sonstigen Leben vor allem die großartige Schlampenkönigin der Berliner Volksbühne, in diesem Film sagt, ist: „Der Kragen ist mir ein bisschen zu weit ausgestellt.“ Und das ist gleich ein bisschen komisch. Denn diese ewige Göre und femme fatale des Theaters ist in ihrer ersten Kino-Hauptrolle eine eher Hochgeschlossene. Assistentin des Marktleiters bei Neukauf auf der grünen Wiese: So ähnlich könnte es auf Isabels Visitenkarte stehen. Nur gehören Visitenkarten nicht gerade zum papierenen Inventar von dienstbekittelten Angestellten wie Isabel, sondern eher Versandhauskataloge, durchzublättern in der Zigarettenpause, Postkarten am Teeküchenschrank, Lieferantenlisten und sonstiger Alltagsalbtraumkram.

Kathrin Angerer als Heldin des Werkkreises Film der restproletarischen Arbeitswelt – warum eigentlich nicht? Eine noch dazu, die sich in den bodenständigen Fuhrunternehmer vom Containerhof nebenan verliebt? Geht schon klar, Hauptsache, Kathrin Angerer spricht. Zum Beispiel sagt sie, als der arg breitschultrig um sie werbende Spediteur Manuel (Juan Carlo Lopez) gleich den Fürsorglichen markiert: „Ich trage keine Männerjacken.“ Schon fragt man sich: Warum zum Teufel lassen sich manche Frauen in manchen Situationen eigentlich Männerjacken über die Schulter legen?

Mit anderen Worten: ein Teufelsweib. Am teuflischsten – und teuflisch zartesten in diesem Film – übrigens, wenn sie schweigt. Einmal zeigt die Kamera sie ein paar geniale Sekunden so schweigend, unbewegt, im lang- und rundgesichtigen Schwungnasenprofil, bevor sie sich zwecks Liebesszene einem Mann zuwendet. Oder Kathrin Angerer öffnet die Augen sehr langsam im Küssen und schließt sie wieder – haben wir richtig geträumt? Oder sie macht aus Zögern und Stottern und Stammeln ein Spiel, großes Schau-und-Hör-Spiel: „Du bist doch gar nicht der Mann, der...“ Und auf einmal ist sie Stimme und Schweigen zugleich.

Genug! In diesem ersten Film der gebürtigen Griechin Daphne Charizani geht es sehr ernsthaft um eine in Deutschland aufgewachsene Spanierin namens Isabel, gespielt von Kathrin Angerer, es geht um ihr Gefühl für Heimat und Zukunft und Liebe. Es geht in „Madrid“, das sei hier ausdrücklich festgehalten, also keineswegs um Kathrin Angerer persönlich. Aber um das so wahrzunehmen, müsste man sich wohl die Ohren mit Wachs versiegeln lassen. Und die Augen gleich noch dazu.

Hackesche Höfe

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