Kultur : Sirenengesang

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Christina Tilmann über Schweigen und Sprechen am Mahnmal

Er ist sehr eloquent, wenn er über das Schweigen spricht. Das Schweigen, welches auf dem Gelände des „Mahnmals für die ermordeten Juden Europas“ herrschen soll. Ein Schweigen aber, das die Menschen wieder zum Sprechen bringen soll. „1933 blieben die Deutschen stumm. Das darf nie wieder geschehen. Dafür soll dieses Mahnmal sorgen“, fasst Architekt Peter Eisenman das Ziel seiner Planung zusammen. Er habe von klugen Philosophen gelernt, dass das Sprechen nach Auschwitz nicht mehr das Gleiche sein könne wie zuvor. Nun soll sein Mahnmal der „Beginn einer neuen Sprache, einer Sprache nach dem Holocaust“ sein.

Die eingeschriebene Dialektik hat die Diskussion um das Mahnmal begleitet, von Anfang an. Und sie setzt sich fort: Nun hat Eisenman in Berlin die Prototypen der Betonstelen vorgestellt, die ab nächster Woche in Produktion gehen sollen (siehe Seite 9). Und siehe da: Sie sind perfekt. Perfekt schön. Eine glatte Oberfläche ohne Luftbläschen, scharfe Kanten ohne Ausbrüche, ein einheitlich dunkelgrauer Farbton. Der Stoff, den Eisenman gerade wegen seiner Immaterialität gewählt hat, ist materialmäßig gesehen von höchster Qualität und sollte selbst dem Berliner Winter (Eisenman: „Das Wetter in Berlin ist nicht das beste“) gewachsen sein.

Die Sorge um die Qualität ist berechtigt: Beton altert schlecht. Er bekommt Wasserflecken, bröckelt ab, wird porös. Doch auch hier hat Eisenman eine Pointe bereit: „Das Mahnmal muss nicht tausend Jahre halten. Den Fehler haben die Deutschen schon einmal gemacht, und es hat zwölf Jahre gedauert. Wenn das Mahnmal dreizehn Jahre steht, dann bin ich schon zufrieden.“ Beton jedoch musste es sein, das stand fest: „Es ist das leiseste Material. Beton ist stumm.“

Das stimmt: Man stelle sich vor, welche Monumentalität das Mahnmal bekäme, wäre es in Granit, in Marmor, Stahl oder Sandstein ausgeführt. Alle Assoziationen an Grabsteine, an Monumente und Maschinenwerke soll der „Nichtstoff“ Beton verhindern – und dennoch nicht abstrakt wirken. Es geht, so Eisenman, um einen dematerialisierten Stein an einem ortlosen Ort.

Ein Nichtstoff in perfekter Qualität, ein Ort des Schweigens, der zum Sprechen bringt, ein leerer Fleck im Herzen Berlins: Von seinen Gegensätzen lebt der Ort. Und davon, dass sein Schöpfer so wunderbar in Widersprüchen schwelgt. Immer wieder hat Eisenman neue Bilder gefunden. Odysseus ist es diesmal und der lockende Gesang der Sirenen. Die Warnung, den Felsen nicht zu nahe zu kommen. Die gefährliche deutsche Schönheitstrunkenheit: Auch der metaphernselige Architekt ist nicht frei davon.

Vielleicht sollte Eisenman einfach schweigen, und das Mahnmal sprechen lassen. Denn: „Normalerweise reden Architekten, um geliebt zu werden“, so er selbst. Er wäre schon zufrieden, wenn das Mahnmal namenlos bekannt werde, wie der Arc de Triomphe oder das Brandenburger Tor.

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