• Sittenbilder aus der Schattenwelt - Ravenhill, Ayckbourn und Bulwer-Lytton in Londoner Theatern

Kultur : Sittenbilder aus der Schattenwelt - Ravenhill, Ayckbourn und Bulwer-Lytton in Londoner Theatern

Jörg von Uthmann

"Shopping und Fucking" sind, wenn wir dem Jungdramatiker Mark Ravenhill glauben wollen, das, was die Londoner Schwulen am liebsten tun. Ein Blick ins britische Fernsehen belehrt uns, dass die Heteros auch nichts anderes im Kopf haben. Denise Van Outen, Englands höchstbezahlte Moderatorin, fragt ihre Gäste nach den sexuellen Gewohnheiten ihrer Eltern und lädt junge Frauen ein, ihren Freund anhand seines Geschlechtsteils zu identifizieren. Größtes Aufsehen in Ravenhills Erstling (man erinnert sich an Thomas Ostermeiers Hardcore-Version in der Berliner Baracke) erregte die anale Penetration des 14jährigen Gary mit einer Gabel.

Auch in Ravenhills neuem Stück "Some Explicit Polaroids", das soeben im New Ambassadors Theatre uraufgeführt wurde, gibt es willige Opfer und drastische Sex-Szenen. Eine Aids-Leiche wird masturbiert, und Tänzerin Nadia blutet jedes Mal aus einer neuen Wunde. Wieder führt Ravenhill drei kaputte Typen vor - den aidskranken Tim, der dauernd von Sex redet, aber Gefühle ablehnt, seinen russischen Freund, den narzißtischen Victor und eben Nadia, das Plappermäulchen, das die Nähe ihres Ladykillers sucht. Diesem traurigen Trio stellt er ein älteres gegenüber - Nick, Helen und Jonathan. Wenn das Stück beginnt, hat Nick gerade eine lange Gefängnisstrafe abgesessen: Auf dem Höhepunkt der Thatcher-Ära hatte er versucht, den Großkapitalisten Jonathan umzubringen. Bei seiner alten Flamme Helen hofft er auf Aufnahme. Doch die will von ihrer radikalen Jugend nichts mehr wissen; sie bereitet gerade ihren Sprung ins Unterhaus vor. Jonathan dagegen will Nick kennenlernen: Wie sich zeigt, ist er ein umgänglicher, kluger Mann, der seinem Beinahe-Mörder nicht nur vergibt, sondern ihm sogar anbietet, in seine Firma einzutreten.

Ravenhill begnügt sich diesmal nicht mit einem Sittenbild aus der Schattenwelt. Er hat ein wahres Anliegen. "Some Explicit Polaroids" ist, wie Regisseur Max Stafford-Clark erklärt, "ein politisches Stück: Es nimmt die Ideale unter die Lupe, die die Leute vor zwanzig Jahren hatten, und ihr Fehlen heute und fragt, ob dies ein Verlust ist oder eine Verbesserung." Verglichen mit seinem Erstling ist "Some Explicit Polaroids" straffer strukturiert. Das lässt sich von "Drummers", dem im New Ambassadors Theatre aus der Taufe gehobenen Stück, das jetzt durch die Provinz reist, beim besten Willen nicht behaupten. Und doch war die Londoner Presse hingerissen. Der Grund: Autor Simon Bennett hatte selbst erlebt, was er hernach beschrieb. Er war Einbrecher. Erst im Gefängnis entdeckte er die Wonnen des gedruckten Wortes. Ein Kurs in creative writing weckte in ihm den Drang, seine eigene Biografie auf die Bühne zu bringen. Herausgekommen ist ein beklemmender Einblick in das kriminelle Milieu der Londoner Vororte. Den Slang der Gangster von Brixton Hill beherrscht Bennett perfekt. Auch in "Drummers" gibt es eine gewalttätige Sex-Szene, in der Ray, das Alter ego des Autors, seinen Bruder Barry für einen Verstoß gegen die Diebesehre vergewaltigt. Al Pacino kam aus New York, um Bennetts Stück zu sehen. Werden wir es, nach Brooklyn oder Oakland verpflanzt, im Kino wiederfinden?

Dass alles am Golde hängt und zum Golde drängt, ist bekannt. Der Hit des National Theatre, "Money" von Edward Bulwer-Lytton, der die gleiche Weisheit verkündet, ist sogar schon 160 Jahre alt. Bulwer-Lytton ist heute nur noch als Verfasser des Historienschinkens "Die letzten Tage von Pompeji" bekannt. Sehr belesene Opernfreunde wissen auch, dass Wagners "Rienzi" auf einem Bulwer-Lytton-Roman fußt. Der Rest der 110 Bände, die dieser oberfleißige Schriftsteller hinterließ, ist dagegen vergessen, darunter die Komödie, die das National Theatre wieder ausgegraben hat. "Money" ist ein Meisterwerk. Es ist die Geschichte des armen Vetters, der sich, nachdem er ein Vermögen geerbt hat, vor der Zuneigung seiner Verwandtschaft nicht mehr retten kann; die Frau aber, die er liebt, droht er zu verlieren, da sie um keinen Preis als geldgierig angesehen werden will.

Bulwer-Lyttons Fleiß ist umso erstaunlicher, als er im Hauptberuf eine politische Karriere verfolgte: Er saß 24 Jahre im Unterhaus und war eine Zeitlang Kolonialminister. Auch Alan Ayckbourn kann man nicht gerade Faulheit vorwerfen: "Comic Potential", seine neue Komödie, ist sein 53. Beitrag zum Theater. Ayckbourn ist der Feydeau unserer Zeit, ein brillanter Bühnen-Techniker; obwohl er das Theater, das sich als moralische Anstalt gebärdet, verachtet, enthalten seine Farcen ein gerüttelt Maß Gesellschaftskritik. "Comic Potential" ist in einer absehbaren Zukunft angesiedelt, "wenn sich alles geändert hat, nur nicht die menschliche Natur". Zielscheibe seines Spotts sind diesmal die TV-Serien - anspruchslose Fließbandware, für die man keine Schauspieler mehr braucht, sondern actoids, Computer mit menschlichem Äußeren, deren Programm alles Nötige enthält. Aber wie in einer Komödie nicht anders zu erwarten, kommt es zu einer schweren Panne: JC 333 oder Jacie Triplethrec, die Schwester in der tränenseligen Krankenhaus-Serie (zwerchfellerschütternd: Janie Dee), fällt aus der Rolle. Sie verliebt sich in Adam, den Regieassistenten, und er sich in sie. Beide fliehen aus dem Studio. Wenn sie ihre Abenteuer überstanden haben, hat Adam eine Wunde in der Seite, und aus dem Automaten ist eine richtige Frau geworden. Ayckbourn jongliert virtuos mit sämtlichen literarischen Referenzen - Hoffmanns Erzählungen, Pygmalion, der Schöpfungsgeschichte. Und wie Pirandello wirbelt er Sein und Schein durcheinander, so lange, bis uns schwindlig wird.

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