Kultur : Sittenstrenge schließen Teufelspakte

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Von Malte Lehming

Weil ihr Mann sie ständig geschlagen hatte, lief sie eines Tages von zu Hause weg. Doch er fand sie. Und tobte. Wieder schlug er mit einem Stock auf sie ein. Dann fesselte er sie ans Bett, umwickelte einen Metallstab mit einem 220-Volt-Kabel, steckte ihr den Stab in die Vagina und schaltete den Strom an. Damals war Zainab Noor 15 Jahre alt, aufgewachsen in Pakistan. Eine Schule hat sie nie besucht. Ihre Eltern hatten das Mädchen mit dem Imam einer örtlichen Moschee verheiratet. Dessen Misshandlungen überlebte sie. Aber wegen der schweren inneren Verletzungen mussten die Ärzte ihr Blase und Enddarm entfernen. Seitdem hat sie künstliche Ausgänge und trägt Tag und Nacht Plastiktüten am Leib. Diese Geschichte von Zainab Noor wurde unlängst in der „New York Times“ erzählt.

Ihr Schicksal ist kein Einzelfall. Etwa zehn Prozent aller Mädchen und Frauen in Pakistan sterben an den Folgen geschlechtlicher Diskriminierung. Weltweit sind es jedes Jahr allein in der Dritten Welt etwa eine Million. Relativ selten ist die Zahl der direkten Brutalität. Allerdings kam es besonders in Pakistan vor, dass Frauen, die nach einer Vergewaltigung schwanger geworden waren, des Ehebruchs bezichtigt und gesteinigt wurden. Heute kommt der Tod oft als Folge subtilerer Diskriminierung. Wenn in einer afghanischen Flüchtlingsfamilie die Frau und der Sohn erkranken, kauft der Vater von seinen knappen Ersparnissen oft nur Medizin für den Sohn. Wenn Zwillinge in einem afrikanischen Slum geboren werden, wo das Essen knapp ist, wird der Junge durchgebracht, nicht das Mädchen.

In Amerika ist das Thema Frauenrechte gerade aktuell. Im Auswärtigen Ausschuss des Senats finden diesen Monat Anhörungen zu einem Internationalen Frauenrechtsvertrag statt, der bereits ein Vierteljahrhundert alt ist und von 169 Staaten ratifiziert wurde. Im Jahr 1980 wurde er von Präsident Jimmy Carter auch dem US-Kongress zur Ratifizierung vorgelegt. Seitdem wird er ab und an diskutiert und verschwindet dann wieder in den Akten. Mit internationalen Verträgen tut sich der Kongress halt schwer. Kyoto, Strafgerichtshof, Bio- und Chemiewaffenprotokoll, Kleinwaffenhandel: Die Liste der Verweigerungen ist lang.

Der Frauenrechtsvertrag „wurde ausgehandelt von radikalen Feministinnen, die die Absicht verfolgen, uns ihre familienfeindliche Agenda überzustülpen“, zetert der radikale Senator Jesse Helms. Außerdem sei er „ein Vehikel, um die Abtreibung auch in jenen Ländern zu legalisieren, in denen sie bislang verboten ist". Überzeugend klingt das nicht. Amerikanische Frauen betrifft der Vertrag kaum. Sie nutzen längst die Rechte, die darin festgeschrieben werden - Ausbildung, freie Wahl des Ehepartners, Arbeitsplatz. Das Ziel der Charta ist es vielmehr, die Lage der Frauen in der Dritten Welt zu verbessern. In Afrika zum Beispiel, aber auch in arabischen Ländern. Außenminister Colin Powell unterstützt die Ratifizierung, Justizminister John Ashcroft hingegen, getrieben von einem religiös motivierten Konservatismus, lehnt sie ab.

Ashcroft ist ein strenger Christ. In Fragen der Lebensführung ähnelt er eher einem strikten Moslem als einem liberalen Freigeist. Politisch mögen für die US-Regierung Staaten wie Iran, Irak, Sudan und Libyen eine gemeingefährliche Achse des Bösen bilden, aber weltanschaulich gibt es immer häufiger Übereinstimungen. Christliche Fundamentalisten und der islamische Block bilden bei den Vereinten Nationen seit etwa einem Jahr eine neue Allianz, schreibt die „Washington Post". Gemeinsam würden sie jede Art von Gesetzen bekämpfen, mit denen der „sexuelle und politische Schutz für Homosexuelle, Frauen und Kinder“ verankert werden soll.

Ob in Teheran, Riad oder dem „Bible Belt“ im Mittleren Westen der USA: Zucht und Sitte sind Pflicht. Beim UN-Kindergipfel in New York etwa sah man während der Kaffeepause amerikanische und iranische Delegierte ungewöhnlich vertraut miteinander plaudern. „Ohne ein Land wie den Sudan“, freut sich eine US-Aktivistin vom „Catholic Family and Human Rights Institute“, „wäre Abtreibung als Menschenrecht im Abschlussdokument festgeschrieben worden.“ Die Freude der christlichen Frau teilt ein marokkanischer Diplomat, der die Organisation islamischer Staaten bei der Uno vertritt, welcher mehr als fünfzig gemäßigte und fundamentalistische islamische Regierungen angehören: „Die republikanische Regierung in den USA verteidigt ganz klar die traditionellen Familienwerte. Das ist in unserem Interesse.“

Und wie sie diese Werte verteidigt! Der US-Delegation beim Weltkindergipfel gehörten unter anderem John Klink an, ein ehemaliger Berater des Vatikan bei UN-Konferenzen, Janice Crouse, eine langjährige dogmatische Abtreibungsgegnerin, und Paul Bonicelli von einem christlichen College in Virginia, wo statt Darwin der so genannte „Kreationismus“ gelehrt wird. Und Terror hin, Terror her: Die christlich-islamische Allianz setzte sich bei der Uno in vielen Punkten durch. Sämtliche Versuche von europäischen und lateirikanischen Staaten, etwa das Recht junger Frauen auf einen „reproductive health care service“ festzuschreiben, wurden abgeschmettert.

Wieder kam der Verdacht auf, mit solchen Formulierungen würde die Abtreibung gefördert. Für die Bush-Regierung hat die neue Sitten-Partnerschaft einen nützlichen Nebeneffekt. Der Ruf Amerikas hat in der arabischen Welt nach dem 11. September und wegen der vorbehaltlosen Israel-Unterstützung gelitten. Gemeinsam mit vielen Moslems die Ausbreitung sozialer Werte und Rechte zu verhindern, bietet da eine gute Gelegenheit, sich zumindest partiell als Brüder im Geiste zu präsentieren.

Wo man auch hinguckt: neue Koalitionen. Beim Stammzellenstreit umarmen Feministinnen plötzlich Katholiken, während jüdische und islamische Geistliche die ganze Aufregung nicht verstehen. Besonders heftig sind die überparteilichen Turbulenzen auch beim Thema Israel. Im vergangenen Jahr musste eine militante hinduistische Organisation in New York ihre Webseite schließen, weil sie darauf zu Hass und Gewalt gegenüber Moslems aufgerufen hatte. Doch ein paar Tage später war die Seite über einen anderen Provider wieder erreichbar. Geholfen hatte den Hindus eine radikale jüdische Organisation. Beide Gruppen eint ihr Anti-Islamismus. „Deshalb“, sagt Website-Betreiber Robit Vyasmaan, „kämpfen wir denselben Krieg.“ Der gebürtige Inder, der mit 13 Jahren mit seiner Familie nach New York kam, ist ein Verehrer des militanten Rabbiners Meir Kahane, der die Verteibung aller Araber aus Israel und den besetzten Gebieten forderte. Zu Hause hat Vyasmaan ein großes Porträt von Kahane aufgehängt. Wie andere Inder auch nimmt Vyasmaan jedes Jahr an der großen Israel-Parade auf der Fifth Avenue teil. Im Gegenzug beteiligen sich amerikanische Juden gelegentlich an hinduistischen Protestaktionen vor dem Gebäude der Vereinten Nationen. Hass schweißt zusammen.

Nicht ganz so extrem, aber durchaus leidenschaftlich empfindet die religiöse Rechte in Amerika, wenn die Rede auf Israel kommt. Die glühendsten Zionisten finden sich heute nicht mehr unter den Diaspora-Juden, sondern unter den Evangelikalen. Prediger wie Billy Graham oder Pat Robertson können zugleich antisemitisch und bedingungslos Pro-Israel sein. Die Anti-Defamation League hat ohnehin festgestellt, dass die Zahl der amerikanischen „Hard-core“-Antisemiten zunimmt. Vor vier Jahren waren es noch zwölf Prozent der Bevölkerung, inzwischen seien es 17 Prozent. Im selben Zeitraum hat die Unterstützung für Israel ebenfalls drastisch zugenommen. Zu Hause die Juden nicht mögen und im Nahen Osten gegen die Araber sein: Das ist die neue Stimmung.

Ein orthodoxer Rabbiner und der ehemalige Direktor der „Christian Coalition“ haben vor zwei Wochen die Organisation „Stand for Israel“ ins Leben gerufen. Rabbiner Yechiel Eckstein und Ralph Reed wollen tausende Kirchen anmailen und mit ihrer Botschaft über eine Million Menschen erreichen. Dazu verteilt der Prediger Jerry Falwell unter seinen Anhängern eine Petition, in der Präsident Bush aufgefordert wird: „Keep Jerusalem Free.“ Von vielen christlichen Fundamentalisten wird die Krise im Nahen Osten vor der Folie biblisch inspirierter Endzeitvisionen wahrgenommen.

Die neuen Koalitionen sind mächtig. Sie verdrängen Vernunft und Menschlichkeit. Wo Zainab Noor, die misshandelte Pakistani, weiterlebt, werden Frauen systematisch diskriminiert. Und wahrscheinlich wird der Internationale Frauenrechtsvertrag, mit dessen Hilfe sich weltweit Druck ausüben ließe, vom US-Kongress auch dieses Jahr nicht ratifiziert. Wahrscheinlich verschwindet er wieder in den Akten. Zur Wiedervorlage.

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