Kultur : Sitz, Witz!

Magischer Kapriolismus: „Wodka Lemon“

Hans-Jörg Rother

Freude und Kummer sind überall zu Hause. In der nordirakischen Heimat hat Hiner Saleem noch nie einen Film drehen können. Seiner kurdischen Herkunft wegen musste er 1993, mit neunzehn, nach Frankreich fliehen. Vier Jahre später drehte er unter seinen Landsleuten in Paris den programmatischen Film „Es lebe die Braut ... und die Befreiung Kurdistans“. Die vertraute Landschaft sollte der junge Regisseur erst im armenischen Hochland wiederfinden. 1999 entstand hier der poetische Versuch „Fährmann der Träume“. Er handelt von viel Not – und noch mehr Humor.

Die schwierigen Drehbedingungen in Armenien haben Saleem damals fast zur Verzweiflung gebracht, doch die Liebe zu dem Land überwog. „Wodka Lemon“ (2003), wiederum eine armenisch-französische Koproduktion, erzählt von Menschen, die mit sechs Dollar Monatsrente weder leben noch sterben können: Nach dem Tod seiner Frau verkauft der noch rüstige Hamo den Schrank, den Fernseher, die Militäruniform und beinahe auch das Klavier auf dem Flohmarkt. Dann lernt er in einem klapprigen Bus, dessen Fahrer gern ein französisches Chanson anstimmt, die Witwe Nina kennen, die gerade ihre bescheidene Arbeitsstelle in der Wodkabude an der Landstraße verlor. Ende gut, alles gut?

„Wodka Lemon“ besteht aus tableauartigen Szenen, die immer auf eine Pointe hinauslaufen. Da bleibt die uralte Seitenwagenmaschine, mit der Hamo und sein Freund zur Stadt unterwegs sind, mitten auf der Landstraße stehen, um sich plötzlich von selbst wieder in Bewegung zu setzen. Nicht verbürgt ist auch, dass dortzulande Musiker in einem an ein Auto angebundenen Krankenbett zur Beerdigungsfeier gefahren werden oder ein Klavier vor Freude zu tanzen beginnt, weil die Besitzer es trotz der Not nicht verkaufen wollen. Auf der Hochzeit der Enkelin wird, wie es sich für einen Kaukasusfilm gehört, einmal geschossen, aber nur, um den treuvergessenen Ehemann an sein Versprechen zu erinnern. Da niemand Geld besitzt, die Wohnung zu heizen, trägt man die Stühle ins Freie, um dort die schlechtgehenden Geschäfte zu besprechen. Über die Armut trösten Witze hinweg: „In der Sowjetunion hatten wir alles, aber keine Freiheit. Jetzt haben wir nichts, nur die Freiheit.“

Saleem, der auch durch seinen Roman „Das Gewehr meines Vaters“ bekannt wurde, sah sich in den armenisch-kurdischen Dörfern so lange um, dass er die „kurdische Frage“ darüber scheinbar vergaß. Sein Film könnte die Tradition der armenischen und georgischen Komödien wieder zum Leben erwecken. Alles muss authentisch aussehen, doch eine Handbreit über der Erde schweben: da, wo die Träume beginnen.

In Berlin im Central, Eiszeit (OmU) und Krokodil (OmU)

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