Sjón-Roman „Der Junge, den es nie gab“. : Dunkles Island

Der isländische Schriftsteller Sjón erzählt in seinem neuen Roman „Der Junge, den es nie gab“ eine packende und berührende Außenseitergeschichte.

Tobias Schwartz
Cover des Sjón-Romans
Cover des Sjón-RomansFoto: verlag

Die wahren Geschichten ereignen sich hinter verschlossenen Türen, heißt es an einer Stelle in „Der Junge, den es nicht gab“, dem neuen bemerkenswert zauberhaften Roman des isländischen Schriftstellers, Musikers und Künstlers Sjón. Jedenfalls in jenen Tagen im Oktober, November und Dezember 1918, die die Kulisse bilden für das Drama um den 16-jährigen Stricher Máni Steinn. Und was für eine turbulente, vielgestaltige Kulisse: der Erste Weltkrieg endet, Island steht vor dem Volksentscheid über die Unabhängigkeit, eine verheerende Seuche bricht aus, Reykjavík gleicht einer Geisterstadt. Und über allem bricht der Vulkan Katla aus und färbt „den Nachthimmel orangerot, feuerrot, violettrot und schwarzrot“, um „sodann in tausend gasblaue und rotglühende Blitze“ zu zersprengen. Das ist großes, überwältigendes Kino.

Tatsächlich ist Máni Steinn, Sjóns geheimnisvoller Protagonist, ein Cineast der frühen Stunde und höchst empfänglich für große, bewegte Bilder. Die in Lederkluft auf einem Felsvorsprung haltende Motorradgöttin Sóla etwa, eine seiner wenigen Bezugspersonen und Doppelgängerin des Stummfilm-Stars Musidora, die der Kinogänger aus Louis Feuillades Leinwand-Serial „Die Vampire“ kennt. Wenn er es nicht gerade einem Freier besorgt – Lust und Befriedigung ganz auf seiner Seite – , sitzt er im Kinosaal. Jeden Tag. Seine Welt sind die damals noch von Live-Orchestern musikalisch begleiteten Stummfilme. Er kennt sie alle (alle in Island gezeigten). Aber Kinoleidenschaft und Schwulsein bergen lebensbedrohliche Gefahren in der alles andere als liberalen, nun auch noch von der Spanischen Grippe bedrohten Gesellschaft Islands im frühen 20. Jahrhundert.

Sjóns Roman ist auch eine im besten Sinne widersprüchliche Hommage an die Anfänge des Filmtheaters

Sjón erzählt in seinem Roman nicht nur eine packende und berührende Außenseiter-Geschichte, er hat auch eine im besten Sinne widersprüchliche Hommage an die Anfänge des Filmtheaters verfasst. Mit dem Kino kennt er sich gut aus. Er ist Drehbuchschreiber, war am Skript für Lars von Triers „Dancer in the Dark“ beteiligt und schrieb die Filmsongtexte für Björk. Neben meisterhaften (und meisterhaft geschnittenen) Szenen von nahezu filmischer Plastizität stehen montierte Standbilder, Fotografien, Originalzitate und fingierte Abhandlungen wie Doktor Garibaldi Árnasons Warnungen vor den Gefahren der Filmkunst.

Sjón, der als surrealistisch inspirierter Lyriker begann (und von dem noch so viele Werke auf eine Übersetzung warten), wäre nicht der genialische Autor, der er ist, wenn er es beim schnöden Realismus eines historischen Romans beließe. Abgesehen von einem cleveren Vexierspiel mit der Geschichtlichkeit des Stoffes und einer bis ins Heute reichenden biografischen Fährtenlegung bricht hier wie schon in seinen Büchern „Schattenfuchs“ oder „Das Gleißen der Nacht“ Surreales, Fantastisches in die Textwelt herein. Der Einfluss von Luis Buñuel macht sich bemerkbar, wenn sich „der Junge, den es nicht gab“ in einen großen schwarzen Schmetterling verwandelt und abhebt. Gut, dass Sjón für uns die Tür zu dieser wahrhaften und wahrhaft unwahren Geschichte geöffnet hat.
Sjón: Der Junge, den es nicht gab. Roman. Aus dem Isländischen von Betty Wahl. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015, 160 Seiten, 17, 99 €.

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