Kultur : Skandal! Königin beim Bügeln erwischt!

An der Berliner Staatsoper Unter den Linden mühen sich Philipp Himmelmann und Fabio Luisi um Verdis „Don Carlo“

Frederik Hanssen

Wenn die Königin von Spanien emotional erregt ist, greift sie zum Bügeleisen. Wenn der Prinzessin Eboli das Blut wallt, zerknautscht sie die gerade geglättete Tischwäsche wieder. Der Marquis von Posa, ein korpulenter Trenchcoatträger, knuddelt beim Wiedersehen mit Don Carlos lieber seine Aktentasche als den Blutsbruder. Beim König am Küchentisch macht es sich der Großinquisitor gemütlich, und zum Autodafé werden nackte Folteropfer mit Benzin übergossen.

Giuseppe Verdis „Don Carlo“ wird an der Berliner Staatsoper Unter den Linden zum Skandal: Die ersten Buh-Rufe hagelt es bereits nach dem ersten Bild. Als der Dirigent Fabio Luisi zum 3.Akt ans Pult tritt, tönt es aus dem 2.Rang: „Wir sind nicht schwerhörig!“ Und am Ende, wenn das Regieteam sich endlich zeigt, kommt es zum Stimmkräftemessen zwischen Gegnern und Verteidigern, das erstaunlich schnell ins stumme Gedrängel beider Parteien gen Ausgang mündet.

Alle drei hauptstädtischen Musiktheater haben sich in jüngerer Zeit an dem Meisterwerk versucht: 1992 bestand der Musikchef der Deutschen Oper, Rafael Frühbeck de Burgos, darauf, das Stück mit dem Regisseur-Darsteller Hugo de Ana zu machen. Heraus kam Rumstehtheater zwischen plumpen Monumentalskulpturen, die ebenfalls Signore de Ana zu verantworten hatte. Die Produktion verschwand schnell vom Spielplan. Die Komische Oper holte sich 1999 einen soliden Handwerker aus der Provinz, Klaus Dieter Kirst, der ein belangloses Arrangement ablieferte. Auch dieser „Don Carlo“ wurde bald abgesetzt.

Als die Staatsoper ihr „Carlo“-Team bekannt gab, keimten neue Hoffnungen auf: eine Riege begehrter Spitzensänger, dazu ein Dirigent, der als Fachmann fürs Italienische gilt, und der Regisseur Philipp Himmelmann. Unter den Jungstars, die derzeit durch die Opernhäuser der Republik gereicht werden, gilt er als Gemäßigter. Seine Deutung von Marschners „Hans Heiling“ 2001 an der Deutschen Oper hielt mancher für allzu brav.

Unter den Linden aber drängelt sich Himmelmann frech in den Vordergrund. Prinzessin Eboli ist Chefin einer Scharfschützinnenbande, vielleicht auch BdM- Anführerin, wie die Dreißigerjahre-Elemente der Ausstattung andeuten. Sie ist mal brutal und sadistisch, mal rattenscharf und willig. Nur eben nie als Charakter schlüssig. Die sozialen Hierarchien am spanischen Königshof, Auslöser allen Unglücks in diesem Drama, bleiben unklar. Himmelmann will die Geschichte partout auf einen bürgerlichen Vater-Sohn-Konflikt mit Dreiecksbeziehung reduzieren, ist aber nicht in der Lage, seine Behauptungen durch differenzierte Personenführung zu beglaubigen. Zumeist bleibt es bei Effekten um des puren Effekts Willen. In der vierten Szene des ersten Akts beispielsweise, wenn die Hofdamen ihre Königin gegen Philips Befehl allein lassen, um ihr das Treffen mit Carlo zu ermöglichen, senkt sich plötzlich der Vorhang – warum? Damit die Requisite Elisabeth ihr Bügeleisen hinstellen kann und den Topf Rote Grütze, mit der die Königin später ihrer verbannten Anstandsdame den Abschied versüßt.

Fabio Luisi leitet alle Akteure souverän durch den Abend, doch es gelingt ihm nicht, Spannung zu erzeugen, mit dem blendend spielenden Orchester eine angemessene Temperatur für das Stück zu finden. Elegant klingt das oberflächliche Getändel bei Hofe – doch wenn die Gefühle hochkochen, hört man den Puls nicht schlagen. Kühl, sehr kühl klingt dieses Drama der heißen Herzen – und die Protagonisten bleiben darum weit unter ihren Möglichkeiten. René Pape und Kwangchul Youn, zwei wunderbare Sänger, beide im Ensemble der Staatsoper groß geworden, geben als König Philipp respektive Großinquisitor selbst im vokalen Zweikampf stets harmlose Gentlemen mit perfekter Diktion ab. Da fehlt vor allem Pape jede Fallhöhe: Wenn er am Ende der „Sie hat mich nie geliebt“- Arie in sich zusammensinkt, ist er nur ein Häufchen Softie-Elend. Auch Norma Fantini bleibt als Elisabeth zu weinerlich. Dalibor Jenis hat zwar den rechten Heldenbariton für den Posa, dafür nimmt man ihm den intellektuellen Freigeist nicht eine Sekunde lang ab. Nadja Michael muss als Eboli unablässig auf Stiletto-Absätzen in verruchte Posen grätschen, und singt dabei trotzdem makellose Koloraturen – alle Achtung. Jorge Pita schließlich, für den erkrankten Ramon Vargas eingesprungen, ist mit dem Carlo vollkommen überfordert.

Einen Trost gibt es dann doch an diesem Abend der bitteren Enttäuschungen – zumindest für jene, die sich um den Etat der Opernstiftung sorgen: Bühnenbild (Johannes Leiacker) und Kostüme (Klaus Bruns) sehen echt total billig aus.

Wieder am 17., 20., 23., 28. und 30. Juni sowie am 3. und 6. Juli

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