Skandalfabrik Deutschland : Die große Flatter

Skandalrepublik Deutschland: kurze Chronik der Ereignisse seit Jahresbeginn.

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Der größte Skandal ist natürlich der Winter: Die Berliner Straße des 17. Juni. -Foto: ddp

Seit Jahresbeginn können wir uns nicht retten vor Skandalen. Das Land in Krisenzeiten hat sich vorübergehend in eine knatternde Skandalfabrik verwandelt – und das bei unserm biederen, politischen Personal, das vollkommen ohne Berlusconis auskommen muss. Womöglich handelt es bei dem Phänomen einfach nur um den Lärm eines kollektiven, virtuellen Heizkraftwerks, das aus Protest gegen die Krise und die Bitterkälte dieses störrischen Winters von allen gemeinsam gebaut wurde. Heiße Schlagzeilen produzierte sogar eine siebzehnjährige Plagiatorin, die kaum noch eingehegt werden konnte, ganz zu schweigen von den gewichtigeren Akteuren in der rumorenden, deutschen Werkhalle. Manche drohen nur mit Chaos, wie zum Beispiel Piloten, die „Alle Flügel stehen still…“ angestimmt hatten. Die Piloten fliegen inzwischen wieder. Aber genügend andere Gestalten flattern und irrlichtern weiter umher.

Das ganze Heizkraftwerk wurde, glaube ich, angeworfen, als man so genannte „Hassprediger“ entdeckte, die mit dem Finger viel zu stur auf die Verfassung zeigten. Es handelte sich um islamophobe Störenfriede, deren pure Existenz ein Skandal an sich war. Diese obskuren Leute, denen man eigentlich wegen Volksverhetzung den Prozess machen wollte, waren rasch vergessen, als aus allen Ecken der Republik ehemalige Eleven katholischer Schulen auftauchten, um mit dem Finger auf die Schmuddelpriester zu zeigen, die ihre Finger einst nicht von Kinderkörpern lassen konnten. Ein echter Skandal, ein echter Basiskandal war ausgebrochen, Ende Januar. Heißer konnten die Schlagzeilen kaum brennen, und es hätte sogar zu Ansätzen öffentlicher Aufklärung kommen können, da erinnerte sich der Außenminister an die Innenpolitik, an die alten Römer und die Sozialisten. Er hatte bemerkt, dass lauter Leute im Land herumlaufen, die gratis und franko vom Schweiß der Fleißigen leben, diesem Skandal wollte er ein Ende bereiten. Sie sollten rings um das Heizkraftwerk Schnee schippen. Anstatt sich also in Saudi Arabien oder Kalifornien eine schöne Zeit unter Palmen zu machen, entschloss sich der Staatsmann, die Debatte im kalten Heimatland anzufeuern, und darüber gerieten dann die bizarren, bulimischen Rituale der Gebirgsjäger unserer Streitkräfte in Vergessenheit, über die man sich zwischendurch aufgeregt hatte, und auch die maroden Räder der Bundesbahn. Ein wenig übertönte die Dekadenzdebatte den neuen, v on Neidbriketts und glühender Schadenfreude aufgeheizten Skandal, den indes die Anbieter von Steuersünderdaten entfacht hatten.

Wir waren noch mitten dabei, die Unterschiede zwischen dem späten Rom und der Dekadenz der asozialen Flachbildschirmnutzer unter unseren Zeitgenossen zu begreifen, kunsthistorisch, soziologisch, empirisch, als die Sache mit den Katholiken weiterging. Aus immer mehr von ihnen brachte man immer mehr Details heraus, und während die Straßen unter Eis und Schnee löchriger, die Kommunen alarmierter und die Meteorologen nervöser wurden, platzte auch der Asphalt, unter dem der Klerus seine Sünden vergraben hatte. Es wurde alles immer schlimmer. So schlimm, wie man´s immer schon geahnt hatte.

Dann kam heraus, dass irgendwo im Westen der Republik ein Ministerpräsident, stundenweise und für den Preis eines schicken Luxusautos, seine höchstpersönliche Begleitung an finanzkräftige Fans vermietet hatte, ein Skandal der ziemliche Dimensionen annahm. Aufatmende Kleriker rollten leise einige Betonmischmaschinen aus dem Kraftwerk und wollten in aller Stille ein paar Löcher in ihrem schwarzen Asphalt stopfen, als die Justizministerin, aufgeweckt von den Nachrichten der vergangenen Wochen, die katholische Kirche aufforderte, ihr paralleles, frommes Rechtssystem gegen das geltende, staatliche einzutauschen. Mit rauschenden Soutanen versuchten erboste Bischöfe nun auf der einen Seite die Opfer übergriffiger Geistlicher zu beschwichtigen, auf der anderen Seite die unbotmäßige Justizministerin zum Widerruf zu zwingen. Beides misslang, bis eine alkoholisierte Ratsvorsitzende von der Konkurrenzkirche rein ins Geschehen raste, und den Bischöfen und Priestern die schlimmsten Schlagzeilen stahl. Allein dass die kluge Frau so schnell zurückgetreten ist, war für die Bischöfe bitter. Dieser Skandal hätte ruhig ein wenig weiterschwelen dürfen. Oder es hätte in Vancouver dazu noch einen dicken Dopingskandal geben dürfen, der aber seltsamerweise fast völlig ausblieb. Ja, es schlafen dieser Tage unruhig: Priester, Bischöfe, Pastoren, Eltern, Schüler, Lehrer, Islamisten, Anti-Islamisten, Steuerhinterzieher, bayrische Gebirgsjäger, einige Bundeswehrausbilder, dekadente Arbeitslose, nicht-dekadente Arbeitslose, korrupte Wahlkämpfer, nicht-korrupte Wahlkämpfer, alle möglichen Bahnchefs. Fast alle von uns, und der Außenminister. Der besonders.

Wie schön aber ist es, glauben zu dürfen, dass jenseits aller Skandale, wenn auch mit Sorgenfalten, so doch in solider Routine, noch andere am Werk sind. Etwa unsere schlichte, nüchterne Kanzlerin und ihr ebenso geradeaus rechnender Finanzminister, beide unterstützt von ein paar Dutzend Fachleuten, deren Namen keiner kennt und die auch keinen Wert drauf legen, dass sie einer kennt. Man muss einfach die Augen zumachen und sich das vorstellen, eine Minute lang, in demokratischer Meditation. Es löscht Schlagzeilen, und es beruhigt.

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