Kultur : Skandinavische Pop-Moderne: Nehmen Sie auf der Solidarität doch erst einmal Platz

Christian Schröder

Bei schwedischem Design fielen einem bislang immer nur Vornamen ein: Björket, der gemütliche Korbsessel, Nikkala, das kuschelige Sofa, und natürlich Billy, das vermutlich wackeligste Bücherregal aller Zeiten. Möbel und Gebrauchsgegenstände aus Schweden - so das Klischee - sind aus Weichholz gefertigt, verströmen ökologische Korrektheit und meistens fehlt ihnen irgendwo eine Schraube. Und nun dies: ein blaumetallic schimmmerndes Mini-Ufo mit ein Paar Luftöffnungen auf dem Deckel und einem verglasten Schlitz an der Schmalseite. Wenn man es startet, macht es einen Höllenlärm und rast im wilden Zickzack über den Teppich. Das an einen plattgetretenen Fußball erinnernde Kunststoff-Ungetüm - von Inese Ljungggren für die Firma Electrolux entworfen - ist ein batteriegetriebener Staubsauger-Roboter, der praktischerweise auch in Abwesenheit des Menschen seine Wohnung säubert. Hightech! Aus Plastik!

"3 D + - Swedish Design on Stage" heißt die Ausstellung, die im Vitra-Museum mit unseren Vorurteilen über die Gestaltungskunst aus dem Ikea-Land aufzuräumen versucht. Der Titel verweist darauf, dass ausschließlich dreidimensionale Alltagsgegenstände - kein Graphik-Design, keine Computer-Animationen - präsentiert werden, deren Spanne vom Filzpantoffel über Glasvasen bis zur Bergbaumaschine reicht. Die 85 Objekte, von der Agentur Riksutställningar in Zusammenarbeit mit der schwedischen Regierung ausgewählt, stammen von 57 Designern und repräsentieren ungefähr genau so viele verschiedene Stile. Seit der Maler Carl Larsson 1899 in seinem Buch "Ett hem" (Zuhause) das hölzerne Reformmobiliar seines Haushaltes publizierte, wurde skandinavisches Design mit rustikaler Nüchternheit gleichgesetzt. In den fünfziger Jahren schuf Gotthard Johansson mit seiner auf akribische Erhebungen zurückgehenden die eigene Variante eines preiswerten Modernismus. Die Vitra-Ausstellung, aus Brüssel übernommen, zeigt nun die Werke von Johanssons Enkeln: nicht mehr post-, sondern pop-modern.

"Es kommt nicht mehr darauf an, die Dinge zu vereinfachen, man muss sie komplizierter machen", lautet das Credo von Andreas Nobel. Zusammen mit einigen Kollegen, die das Magazin "Katzenjammer" herausgeben, steht der junge Stockholmer Designer für eine Ästhetik, die billige Materalien mit bewusst nachlässiger Verarbeitung verbindet. Der Holzstuhl "Whitbread" ist mit bunten Kunststoffriemen bespannt, bei einem puzzleartig ineinandergesteckten Kistenregal sind die Seitenteile mit Filz ausgeschlagen, und der ampelbunte "Half-Rocking Chair" lädt mit der Aufschrift "Please Do Sit" zur Benutzung. Bei Peter Anderssons schlicht-eleganten Möbeln nistet die Ironie hingegen allein in ihren Namen. Der Ecksessel "Slack" heißt so, weil jeder, der in ihm sitzt, wie ein schlaffer Sack aussieht. Und der revolutionsrote Stuhl "Solidarität" bietet mit einer ausgestülpten Sitzfläche Platz für einen Mitbenutzer. Immerhin erinnern die sich abspreizenden Stahlrohrbeinchen noch an den Funktionalismus von Arne Jacobsens "Ameisen"-Stuhl.

In das schwedische Design, lange auf Rationalität und hochwertige Handwerkskunst festgelegt, ist ein neues Element eingegangen: der Humor. Die klug komponierte Ausstellung trägt dem Rechnung, indem sie ihre Inszenierung drei fachfremden Künstlern überlassen hat. Carl Michael von Hausswolff, ein Klanginstallateur, hat einen metallernen Laufsteg geschaffen, aus dem das x-fach verstärkte Rauschen einer Lampe dröhnt. Der Choreograph zeigt Videos eines Paartanzes, zu dem ihn die Filzkleider von Pia Wallén inspirierten. Und der Theateregisseur Karl Dunér zerlegt in seinen diving bells Ojekte wie einen Spiegel, Schuhe und eine Gehhilfe in ihre allerkleinsten Bestandteile. Was das Design im Innersten zusammenhält: Hier ist es bloß noch ein trüber Abstrich aus Kork, Öl und etwas Zellulose.

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