Skrillex in Berlin : Ballerspiel für alle

Das Geheimnis der grollenden Bässe: Der neue Rave-Superstar Skrillex mischt die Berliner Columbiahalle auf.

Andreas Hartmann

Seine Kanzel sieht aus wie die Kommandozentrale des Raumschiffs Enterprise. In ihr hüpft die neue Rave-Sensation Skrillex wie wild auf und ab, ein Männlein mit Nerdbrille und langen schwarzen Haaren, die an einer Seite abrasiert sind. Lichtgewitter prasseln auf die ausverkaufte C-Halle nieder, ständig wechseln die Visuals, die Optik der Show ist atemberaubend. Man kommt sich vor, als sei man mitten in einem 3-D-Ballerspiel gelandet.

Die Musik ist ähnlich furios. Die Form von Techno, die Skrillex aus Los Angeles darbietet, hat man so vorher noch nicht gehört. Normalerweise ballert beim Großraumtechno immer die gerade Bassdrum durch, sie bringt die Leute zum Hüpfen, Tanzen und Kreischen. Skrillex, der eigentlich Sonny John Moore heißt und bis vor kurzem noch Sänger einer mittelmäßig erfolgreichen Hardcore-Band war, knallt dem Publikum dagegen einen chaotischen Krach entgegen, der eigentlich jeden Dancefloor innerhalb weniger Sekunden leerfegen sollte. Die Bässe grollen fies, ständig wird der Fluss der Tracks durch schräge Gesangsfetzen und Samples unterbrochen, dann baut sich wieder eine bombastische Rave-Fanfare auf. Es klingt wie eine einzige lange Schlachtenszene aus „Star Wars“.

Erstaunlich ist die Geschichte rund um den Erfolg von Skrillex schon allein aufgrund der Tatsache, dass dieser Typ, der aussieht wie eine Manga-Figur, Amerikaner ist. Die großen Techno-Acts kamen bisher immer aus Europa, von Paul Van Dyk bis David Guetta. Techno wurde zwar in Detroit erfunden, spielte dort aber lange keine vergleichbare Rolle wie in Berlin, London oder auf Ibiza. Doch vor kurzem haben Rapper wie Kanye West die Musik von Daft Punk entdeckt, die Hip-Hop-Szene liebt den Kommerztechno von David Guetta, und es muss sich herumgesprochen haben, dass ein Rave auch nichts anderes ist als Spring Break, nur mit tanzbarerer Musik.

Dass nun ausgerechnet Skrillex in den USA der Messias der unerwarteten Technobegeisterung wurde, ist auch deswegen so irre, weil er Dubstep, ein typisch englisches Subgenre, amerikanisiert und zur Hollywoodversion aufgepumpt hat. James Blake, der anämische und sensible Star der Szene, hat Skrillex bereits vorgeworfen, Dubstep zu einem Macho-Genre verkommen zu lassen. Und in Auskennerkreisen wird längst debattiert, ob Skrillex die Undergroundwerte von Dubstep verraten habe.

Doch wenn man Skrillex live erlebt, lässt sich sagen, dass hier einfach das vollzogen wurde, was für Innovationen in der Popmusik schon immer förderlich war. Eine Idee wurde aufgegriffen, nämlich den Bass zum Hauptmerkmal eines Tracks zu erklären, und aus dieser Idee wurde dann etwas Eigenes. Skrillex hat aus einer vertrackten Musikrichtung, die im Berghain einmal im Monat von ein paar Eingeweihten gehört wird, den neuen Soundtrack für die Love Parade gemacht – falls es diese noch geben würde.

Seine Gegner werfen Skrillex vor, er würde aus den plumpsten Momenten von Prodigy und den Chemical Brothers eine Orgie des Stumpfsinns verfertigen – und sie haben teilweise sogar recht. Doch es ist eben der Stumpfsinn für diejenigen, die von der sich distinguiert gebenden Berghain-Feierkultur nicht ernst genommen werden. Andreas Hartmann

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