Kultur : Skulpturale Denksysteme jenseits der Natur

Michael Nungesser

Kunst kann die Natur nachbilden, von ihr abstrahieren oder ihr frei erfundene Formen zur Seite stellen. Die Skulpturen von John Duff aus den neunziger Jahren passen jedoch in keine dieser Kategorien. Beim ersten Hinschauen scheint sich ein Déjà-u-Effekt einzustellen, doch beim Nach-Schauen läßt sich die Erwartung nicht einlösen. Diese Gebilde aus Fiberglas über Metallstrukturen wahren ihr Geheimnis. Auch sind es keine gewöhnlichen Skulpturen: Sie liegen auf dem Boden wie "Linked Rings" (72 000 Mark), sind an die Wand gelehnt wie die drei "Staff" genannten Werke (je 17 500 Mark) oder an die Wand gelehnt wie die beiden Versionen von "Ophidian Torus" (75 000 und 92 000 Mark), "Oblate Torus" (78 000 Mark) und "Trumbledown Hedrons" (65 000 Mark).

John Duff, 1943 in Lafayette in Indiana geboren und in New Yok ansässig, begann zunächst mit keramischen Arbeiten, bevor er sich dem Fiberglas zuwandte. Mit ihm konstruiert er Werke, deren Morphologie keine visuelle Entsprechung in der Natur findet. Sie ähneln eher Gerätschaften oder anderen technischen Nutzobjekten, ohne dass ihr Sinn oder Zweck verständlich wäre. Gerade das verleiht ihnen ihren geheimnisvollen, spröden Reiz - sie sind unvergleichbar. Es sind die teils nüchtern beschreibenden und doch klangvollen Titel, die eine wesentliche Fährte legen: Sie verweisen auf einen philosophisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund. Duffs Gestaltungen können im weitesten Sinne als Anschauungsobjekte mathematisch berechenbarer oder geometrisch darstellbarer Denksysteme gelten, übersetzt ins Medium skulpturaler Ästhetik.

In den Vorzeichnungen auf Papier (jeweils 5500 Mark) sind die Grundstrukturen, vor allem die häufig auftauchende Kreisform, leicht zu erkennen. Doch erst die Umsetzung ins Dreidimensionale und Verwendung des Kunststoffes in Verbindung mit den formgebenden Metallstäben erzeugt diese beunruhigenden Raumgebilde. Das Fiberglas, das in gegossenem Zustand eine transparente, bräunlich glänzende Oberfläche bildet, die teilweise von Duff bemalt wird, erscheint als rauhe Haut, die sich zu offenen, bisweilen schlauchartigen Hohlkörpern formt: Kopfgeburten von dynamischer Vitalität und fremdartiger Poesie.Galerie Raab, Potsdamer Str. 58, bis 8. Januar; Montag bis Freitag 10-19 Uhr, Sonnabend 10-16 Uhr.

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