Kultur : Slavenka Drakulic verwandelt Gewalt in Sprache

Caroline Fetscher

Dann kam der Krieg. Diese seltsame Redewendung bezeichnet eine große, unpersönliche Zäsur. Etwas Ungeheuerliches kam einfach, als sei es ein Erdbeben oder ein Gewitter, das nicht aufhört. Mythisch. Keiner macht den Krieg. Er kommt einfach. Und mit ihm die Brutalität des "Unsäglichen", der Sprache entzogenen. "Als gäbe es mich nicht" nennt Slavenka Drakulic ihren Roman, der weitererzählen will, wo das Erzählen Anderer versagt, und wo die Zone der Floskeln liegt. Der Krieg kam - als ein Individuum, das ungebeten eine Wohnung in einem bosnischen Dorf betritt.

"An der Tür ist ein junger Mann. Er scheint sicher zu sein, daß sie ihn erwartet. (. . .) Wir sammeln hier Leute ein, sagt der junge Mann ziemlich laut, obwohl sie ihn nichts gefragt hat. (. . .) S. steht am Herd wie erstarrt. Sie wagt es nicht, sich zu rühren oder etwas zu sagen. Sie weiß, das, was sie gerade sieht ist das Gesicht des Krieges: Jemand öffnet einfach die Wohnungstür, und der Krieg tritt ein in das Leben, in den Menschen. Sie weiß, von nun an gibt es zwischen dem Krieg und ihr kein Hindernis mehr." Die Frau, eine junge Lehrerin, deren Name abgekürzt erscheint, wie bei allen Personen in des Romans, wird von diesem Soldaten aus ihrem Leben herausgezwungen in eine Zone von Regeln und Hierarchien jenseits des Rechts. Im Internierungslager selektiert man sie zur Zwangsprostitution im "Frauenraum". Sie wird geschwängert, überlebt und bringt im schwedischen Exil das Kind eines unbekannten Soldaten zur Welt. Am Ende nimmt sie das Geschöpf, die gefürchtete Frucht der grauenvollen Tat, als ihr Kind an: der einzig mögliche Sieg über den Hass.

Kein poetischer Stoff. Zuviel Reales, im kruden wie im Lacanschen Sinn. Die Geschichte spielt 1992, Berichterstatter aus dem Bosnienkrieg haben damals solche Stories skizziert. Während des Bosnienkrieges gehörten systematische Vergewaltigungen gehörten, wie im Kosovo, zum kalkulierten Terror der Aggressoren. 60 000 Frauen sollen in Bosien vergewaltigt worden sein. Motiviert waren die Verbrechen in den rape camps auch von der rassistischen Fiktion, "muslimische" Geschwängerte würden "serbischen" Nachwuchs gebären. Reportagen zu solchen Ereignisse suggerieren Individuen nur. Selbst Begegnungen, die Korrespondenten nah gehen, schnurren in "Artikeln" zu Fallbeispielen zusammen.

Slavenka Drakulic sucht den Winkel der Kriegshölle auf, wo das dunkelste Tabu brennt. Sie hat Frauen befragt, deren seelische Integrität durch sexuelle Attacken feindlicher Männer verletzt wurden. Zuerst wollte die Autorin, emigrierte Kroatin, eine Dokumentation schreiben. Beim Abhören der Tonbandprotokolle merkte sie, dass Lücken klaffen, überall da, wo es um das Entsetzliche selbst ging. Die Ereignisse wurden von den Rändern her erzählt, das zentrale Tabu blieb total. Nur - wie lässt sich das symbolische Vakuum anderer mit der eigenen Sprache füllen? Empathie mit Traumatisierten ist das Risiko, das Drakulic eingeht. Die potentielle Verstrickung zu erkennen, die aus den Nähe- und Distanzgraden solcher Empathie erwächst, gehört zu dieser selbst. Alles andere wäre Sentimentalität oder Voyeurismus.

In diesem Buch gelingt über weite Strecken, was fast unmöglich scheint. "Als gäbe es mich nicht" könnte auch heißen: "Als wäre ich die Andere und könnte davon sprechen". S. sieht im Lager Freundinnen sterben, sie sieht ein apathisches Mädchen sich stundenlag die Haare kämmen, sie riecht das Verbrennen von Leichen, und sie versucht, als sie ihr Fotoalbum aus dem geretteten Rucksack packt, sich daran zu erinnern, dass sie ein Mitglied einer Gesellschaft war. "Die Trauer nistet sich in ihren Knochen ein wie Gicht." Brot und Seife scheinen nahezu reale Gegenstände zu bleiben, aber ein Lippenstift ist keiner mehr, wenn er aufgetragen wird, um einen bestialischen Soldaten, wo nicht von der sexuellen Gewalttat, so doch vom Mord abzuhalten.

Vergewaltigung und Folter sind omnipräsent in diesem Text als eine zweite Vertreibung nach der territorialen. Eine Vertreibung aus dem eigenen Innenraum. Dort aber liegt die Sphäre der Symbole und des Sinns, um die es Drakulic geht. Dort ist der poetische Gegenraum zum Lager. Wie durch eine Gegenbewegung zu den Techniken der Zerstörung wirkt die Geschichte der "S." so, dass sie die Frau erkennbar macht, die unkenntlich werden sollte. Manchmal kann man nicht mehr als drei der dichten Seiten hintereinander lesen, und es erscheint bewundernswert, mit welcher Kraft Slavenka Drakulic die trockenen Protokolle des Kollabierens ihrer Protagonistinnen mit der feierlich knappen Lyrik von deren Sichaufrichten verflicht.

Hinter den Verbrechen steht der perverse Machtwunsch, den anderen ohne Macht, ohnmächtig zu sehen, seine Kohärenz, sein symbolisches Sinnsystem zu zersplittern, und damit seine Aussagefähigkeit zu vernichten, seine Fähigkeit sich der Sprache zu bedienen. Es ist, als wollte Slavenka Drakulic den Erfolg dieser Perversion, dieser sozialen Sabotage des Anderen, nicht gelten lassen. Sie fügt zu Sprache zusammen, was darauf angelegt war, nicht Sprache zu werden. Das ist ein Kunstwerk. Im Sinne der Täter ist es der Frevel, den sie panisch fürchten, und politisch betrachtet ist ein solcher Text eine Prozessaussage vor der sozialen Justiz, die wir alle sind.Slavenka Drakulic: Als gäbe es mich nicht. Roman. Aus dem Kroatischen von Astrid Philipsen. Aufbau-Verlag, Berlin, 1999. 207 Seiten. 29,80 Mark

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