Sleater-Kinney rocken in Berlin : Zacken und zaubern

Sleater-Kinney haben eines der besten Rockalben der jüngste Vergangenheit rausgebracht. Nun spielten sie ein großartiges Konzert im Berliner Huxleys Neue Welt.

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Die Band Sleater-Kinney aus Portland, Oregon.
Die Band Sleater-Kinney aus Portland, Oregon.Foto: Brigitte Sire/Sup Pop

Ein kleiner Glücksschock ging durch die Indie-Rock-Gemeinde als Sleater-Kinney Ende letzten Jahres ihre Reunion ankündigten. Rock wird doch noch gerettet - so klang das im Netz. Als dann im Januar nach einer knappen Dekade das neue Sleater-Kinney-Album "No Cities To Love" erschien, war die Euphorie fast noch größer. Die Kritikerinnen und Kritiker überschlugen sich geradezu. Auch Greil Marcus' legendärer Satz, dass Sleater-Kinney "Amerikas beste Rockband" seien, wurde dabei gern wieder einmal zitiert. Nun ist das Album sicher nicht die Rettung des Rock, aber doch eines der besten Rockalben der jüngsten Vergangenheit. Ein seltenes Beispiel dafür, dass die Wiedervereinigung von Neunziger-Jahre-Bands durchaus auch mal zu beachtlichen Ergebnissen führt und nicht nur zu einer laschen Wiederholungsschleifen-Nummer.

Die meisten neuen Songs sind in der Tat eine Bereicherung des an tollen Songs ohnehin reichen Repertoires der Gruppe aus Portland. Bei ihrem ersten Europa-Konzert im Berliner Huxleys beweisen sie das gleich zu Beginn mit den beiden ersten Stücken von "No Cities To Love", die sie hintereinander wegspielen. Carrie Brownstein und Corin Tucker werfen das knallige Motiv von "Price Tag" zwischen ihren Gitarren hin und her, Tuckers Stimme schießt wie ein Pfeil in die Höhe, Janet Weiss prügelt mit Macht in die Drums. Großartig - das hatte man dann doch irgendwie vermisst.

Brownstein trägt die halblangen Haare neuerdings blond gefärbt. Sonst scheint sich nichts verändert zu haben bei Sleater-Kinney, die in den Neunzigern neben Bands wie Bikini Kill, L7 oder Team Dresch zu den Protagonistinnen des Riot Grrrl-Sounds gehörten, sich aber bald immer mehr von der punkigen Ausrichtung entfernten. Atemberaubend gut ist immer noch das Zusammenspiel der beiden Gitarristinnen, deren Licks und Linien sich ständig kreuzen, verschränken, stoppen und wieder in die Höhe schrauben. So entsteht dieser typische zackende Zaubersound. Manchmal streut die Band einen poppigen Moment ein, etwa mit "Oh!" vom 2002er-Album "One Beat" das diesen schönen irgendwie an Bananarama erinnernden dreistimmigen Chorus hat.

Bei den Zugaben begeistern Sleater-Kinney mit älteren Stücken

Nach einer halben Stunde wechselt Carrie Brownstein, die ein kurzes weißes schulterfreies Kleid trägt, von der weißen Fender zu einer schwarzen Gibson. Sie ist spielt jetzt mit mehr Verzerrung und führt die Gruppe bei "What's Mine Is Yours" zum ersten Mal in lärmigere Gefilde. Gutes Timing - wie den ganzen Abend, bei dem die Band teilweise von einer dritten Gitarristin und Keyboarderin unterstützt wird. Große Rockshow-Gesten spart sich die Band weitgehen, Carrie Brownstein kickt gelegentlich mal in die Luft und deutet einen Windmühlen-Kreisel an - das muss reichen. Zu Beginn der Zugaben bedankt sich Corin Tucker ausführlich beim Publikum, das nicht nur aus alten Ü35-Fans besteht, sondern auch einen erfreulich hohen Anteil jüngerer Leute aufweist. "Wir werden oft gefragt, ob wir immer noch wütend sind", sagt Tucker und fügt an, dass das der Fall ist. "Die Dinge haben sich zwar geändert seit der Zeit, in der wir begonnen haben, aber sie haben sich nicht genug verändert!" Was zu "Gimme Love" überleitet, in dessen Refrain immer wieder "Never enough" skandiert wird. Anschließend setzt das Trio auf ältere Stücke. Fabelhaft: "I Wanna Be Your Joey Ramone", in dem sie den Namen des Ramones-Sänger durch den von Sonic-Youth-Bassistin Kim Gordon ersetzt haben. Tucker und Brownstein kieksen im Wechsel bis die Stimmbänder quietschen. Ja, wahrscheinlich sind sie doch Amerikas beste Rockband.

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