Kultur : Slobodan M.: Der Satansbraten

Bogdan Bogdanovic

Ich erinnere mich immer noch an die alte Frau auf einer Belgrader Straße aus den ersten Tagen von Milosevics Aufstieg, zu jener Zeit, als seine Bilder bereits viele Supermarkt- und Metzgereischaufenster zierten, als sie die Windschutzscheiben von Bussen, LKWs und Limousinen schmückten, als die Belgrader voller Begeisterung Buttons mit seinem Konterfei am Revers trugen, und hochmütige Belgraderinnen sich mit einem Slobodan-Medaillon um den Hals herausputzten. Die erwähnte Greisin starrte also in jener Zeit auf eines seiner Bilder und sagte laut zu sich selbst: "Ach, wenn ich nur dieses Kind Gottes küssen könnte!"

Sie verwendete für "küssen" das Wort "celivati" - eine feierliche sprachliche Bezeichnung für den Akt des ritualen Kusses. Geküßt werden Ikonen und liturgische rituelle Gegenstände, und die alte Frau wollte - ich zweifele nicht einen Moment an ihrer Aufrichtigkeit - nur ihre tiefe Verbundenheit mit diesem gerade erschienenen Himmelsboten zum Ausdruck bringen. Er hatte in der Tat ein sehr kindliches Gesicht, das viele sofort entwaffnete. Und er kam zu meinen serbischen Brüdern so wie Gott oder die Götter ihn geformt hatten.

Zu jener Zeit - und so ähnlich ist es heute immer noch - hatte er die weinerlich-verschwommene Physiognomie eines großen Babys. Genauer gesagt, er besaß den Charme eines frisch geborenen Ferkels, einen Charme, der - zumindest auf den ersten Blick - auf nichts Gemeines oder Böses hinweist. Dabei hat man meist die ungewöhnlichen Ausmaße und die leicht zugespitzte Form seiner Ohren übersehen, jenes unvermeidliche Attribut der Vampire, bekannt aus den ersten expressionistischen Filmen. Aber welcher Serbe hatte damals schon Zeit und Lust, sich noch einmal die alten expressionistischen Filme anzusehen und darüber nachzudenken, ob unter ihnen nicht ein neuer Nosferatu erschienen sei. Die alte Frau wusste freilich nicht - und ebenso wenig wussten es viele der gebildeten Akademiker -, dass in der alten serbischen Religion, wie in anderen heidnischen Systemen, die Parallelvorstellung vom Gottes- und Vampirkind existierte, und dass sie gegenläufig symmetrisch waren, so wie ein Handschuh mit einem auf links gezogenen Handschuh.

Der doppelte Archetyp ist ganz offensichtlich universell und hat sich tief in das Unterbewusstsein des modernen Menschen eingeprägt. Davon zeugen die mitternächtlichen Horrorfilme über das vampiroide Kind oder die vampiroide Puppe, Figuren, die - was sonst! - töten und töten, zur Befriedigung der schlaftrunkenen Fernsehzuschauer. Die Fabel ist als solche unterhaltsam, sie kann sogar entspannend wirken, falls sie filmisch nicht gerade völlig dümmlich daherkommt. Erschreckend wird sie erst dann, wenn sie, mehr oder weniger transponiert, ihre düstere Wirkung zu entfalten beginnt, und zwar nicht in einer filmischen, sondern in einer echten alltäglichen Wirklichkeit.

Das Erscheinen von Slobodan Milosevic auf der serbischen Szene hatte tatsächlich etwas von dem Auftritt einer okkulten Puppe in der erhabenen Rolle eines Schicksalsboten. Ich lauschte ihm seinerzeit sehr aufmerksam und versuchte, ihn zu enträtseln. Die Leere, die aus diesem Mann strahlte, hallte offenkundig nach. Man konnte vermuten, dass in diese, nennen wir sie metaphysische, Höhle irgendwann doch noch jemand hineinschlüpfen werde, dass ein geheimnisvoller Mitbewohner erscheinen werde. Ich muss hinzufügen, dass ich mich an die wahre Stimme Milosevics (war das wirklich seine wahre Stimme?) aus jener Zeit, als er ein kleiner Laufbursche der Partei war, nicht mehr erinnern kann. Aber mit seinen ersten öffentlichen Auftritten vor einem Millionenpublikum, etwa an der Mündung der Save in die Donau oder auf dem Gazimestan in Kosovo Polje, begann er, mit seinem neuen, gezwungenen, drohenden, metallenen Bariton zu sprechen. Das war nicht mehr die Stimme des kleinen Slobo, des Gotteskindes. Das war nicht einmal mehr die Stimme eines bedeutungslosen Vampirchens. Es war eher ein Geräusch als eine Stimme, eine metasprachliche Verlautbarung eines blutrünstigen, mythischen Vorfahren aus dem Jenseits, der Slobodan eine uralte, nicht vollbrachte Sippenpflicht aufbürdete.

Als nun fortgeweht war, was fortzuwehen war, mit jenen Folgen, an die wir uns nicht ohne Schaudern erinnern können, kommt erneut der kleine Slobo daher, das verlorene Gotteskind. Hier, Kinder, da ist der kleine, verhinderte serbische Kaisersohn. Hier, seht nur, er ist dort, irgendwo in einem aufs Schnelle zusammengewürfelten Dekor mit viel Grün - wie auf einem der Bilder von Henri Rousseau. Er sitzt also dort, nein, er steht, immer kleiner und kleiner, und er erzählt das, was man ihm empfohlen hat, er fügt sogar einiges hinzu, was er sich selbst ausgedacht hat. Er sabbelt alles Mögliche zusammen, er sabbelt mit dem Stimmchen von Mutter Mirjana, und vor den Kameras verdeckt er ungeschickt seine Scham, wie ein Kind, das vor den Gästen in die Hose gemacht hat. Die Puppe, die so leidenschaftlich tötete und ebenso leidenschaftlich stahl, hat alle Prärogative eines mythischen Räuberhauptmanns verloren. Nun ist sie nur noch das, was sie ist und immer war: eine leere, Gott weiß wie gegossene, puppenähnliche Gummischachtel. Und ihr heutiges, gespaltenes Doppelstimmchen, ist das endgültig ihre wahre und definitive Lautidentifikation? Ist dies das authentische Signal ihrer körperlichen und geistigen Anwesenheit? Beginnt Slobodan Milosevic mit dieser Stimme zu sprechen, wenn er kommt, um sich vor den Richtern des Haager Tribunals zu verbeugen?

Ich frage mich jetzt auf einmal, warum bestehe ich so sehr auf einem strengen stilistischen und regieartigem Urteil? Waren am Ende der Geschichte die anderen, jener mit seiner Clara Petacci oder der mit Eva Braun, besser und überzeugender als er? Am Ende der Geschichte?

Und was ist, wenn wir das Ende noch nicht erreicht haben? In der Welt der Vampire sind vampirische Wenden und Umstürze immer möglich, solange dem Vampir nicht definitiv der Pflock ins Herz gestoßen wurde.

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