Kultur : Sloterdijk seziert Europas "dramaturgischen Komplex"

Jörg Völkerling

Reden über Europa hat Konjunktur, seitdem selbst ein Friedrich Schorlemmer - bei allerlei Sonntagsreden landauf, landab ein gefragter Gast - nichts essenziell Neues mehr zur deutschen Frage beizutragen hat. Nur sollte man gerade in Wahlkampfzeiten die Finger tunlichst von Politikern lassen: Das politische Tagesgeschäft ist zu schnelllebig, als dass Schlagworte wie "Einheit in Vielfalt" noch als rhetorische Leistung wahrgenommen würden.

Das Staatsschauspiel Dresden widerstand der Versuchung und lud am Sonntag stattdessen einen der brillantesten - und umstrittensten - Denker des Landes ein, "Zur Sache: Deutschland" zu reden: Ein volles Haus war Peter Sloterdijk nach dem medialen Verriss seiner "Regeln für den Menschenpark" gewiss. So fand der - neuerdings auf vielen Bühnen beheimatete und selbst als Lafontaine-Interviewer verwendbare - Philosoph in Dresden auch gleich den passenden Rahmen, das Medienspektakel um seine Elmauer Thesen in seinen Vortrag über "Europa als Schicksalstheater und Wunschmaschine" einzuordnen. Denn: "Kommunikation in modernen Massengesellschaften dient in der Regel nicht der Aufklärung", sondern der Übertragung opportunistischer Psychosen. So wäre en passant auch gleich der zweite Teil dessen geklärt, was Sloterdijk als "dramaturgischen Komplex Europa" vorstellte. Denn sehr schnell wurde am Sonntag klar, dass der Heidegger-Adept keineswegs über Deutschland zu sprechen gewillt war. Und um sein Europa-Bild zu skizzieren, musste er gar die Rolle eines Raumfahrers einnehmen, der die euroasiatische Landmasse im Südwesten begrenzt sieht vom "grazilen Griff" und im Osten von der dicken "Keule". Europa - mit Rom als ausgeglühtem Strahlungszentrum des vormaligen Imperiums - und China - die "Kultur der Selbsteinmauerung" - gelten Sloterdijk als Gravitationszentren der imperialen Energien.

Reinszenierung des römischen Reiches

Die vom Karlsruher Philosophen als "Westchinesen" bezeichneten Europäer sind Reichskonstrukteure in römischer Tradition, ihr Skript stellt eine Wiederaufführung des Imperium romanum dar, in der es keine Zuschauer, sondern nur Mitspieler gibt. Doch während China in sich selbst ruht, haben die "Westchinesen" ein Bewusstseins-Problem: Die bessere Inszenierung ihres Stückes findet in den einstmaligen transatlantischen Kolonien statt, die das Machtgefüge längst zu eigenen Gunsten verschoben haben. Ohne Sloterdijk weiter auf seinen Wegen durchs romanisch angehauchte Washington zu folgen, bliebe dennoch festzustellen: Die kommenden Jahrhunderte gehören wohl eher dem Disput zwischen West- und Ostchinesen. Da wäre es wie eine Aufforderung zur Selbstbeschränkung zu verstehen, wenn Sloterdijk seine Dresdner Zuhörer aufklärt: "Die Sachsen wussten erst, wie gut es ihnen geht, als die Elbe beschloss, in die Nordsee zu münden." Doch der Redner weiß es besser. Wie weiland Atlas scheinen Sloterdijks Europäer gewillt zu sein, das Weltgewölbe zu schultern, seine Individuen kennen kein Maß, keine Beschränkung. In Ergänzung der alteuropäischen Dramaturgie des Schicksals beruht die neueuropäische Dramaturgie - die Natur des dynamischen Maximalismus - auf der Idee, "ganze Populationen mit Hilfe positiver Paniken und diskreter Eifersuchtsmechanismen zu mobilisieren und in Wettbewerbe über das Mehr-Genießen zu verstricken". Zwar habe, so Sloterdijk, die Nachfrage nach Kernseife einstmals den Begriff der Massendemokratie geprägt. Fatal nennt der Redner dagegen die immerwährende Nachahmung derer, die einen Vorteil vor allen anderen erringen wollen - und sei es nur der Vorteil, Nachteil zu vermeiden. "Durch überstarke Panikdosen wird der Sinn für Langfristigkeit angetastet, den gerade die Konsum- und Geldanlage-Gesellschaften nicht entbehren können." Der Analyse folgt der Schluss: Auf der Tagesordnung des beginnenden 21. Jahrhunderts steht eine machtpolitische Neudefinition Europas. Statt alteuropäisches Schicksalstheater und neueuropäische Wunschökonomie zu addieren, spricht Sloterdijk nun schlicht von einem politischen Kraftwerk. Und anstelle einer stetigen Verwechslung des Nicht-Erreichbaren mit dem Erreichbaren sieht er das Napoleon-Wort: "Die Politik ist das Schicksal."

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