Kultur : Smarter Terrorist in Bonbon-Kulisse - In der Berliner Galerie Wohnmaschine

Michael Nungesser

Dokumentarisches gibt es im Keller der Galerie zu sehen. Der im Jahr des Mauerbaus in Karl-Marx-Stadt geborene Florian Merkel, der "seine großen Erfolge" (so der Titel einer Einzelausstellung von 1995) mit farbigen Fotoinszenierungen feierte, demonstriert dort mit einer Diaprojektion seine zwischen 1996 und 2000 entstandenen "Deutschlandansichten": eine prosaische Seite seiner Arbeit. Es sind Alltagsrundblicke in Schwarzweiß aus Berlin, Chemnitz, Dresden, Kassel und kleineren Orten mit ihrer typischen austauschbaren Nachkriegsarchitektur und den drögen Fußgängerzonen. Der Projektor wirkt keine bedeutungsschweren Deutschland-Bilder an die Wand, sondern eher beklemmende Normalität. Sie ist zugleich Basis wie Widerpart zu Merkels ansonsten eher glamourösen Groß-Fotografien und den nach Fotos entstandenen Bildern mit ihrem entlarvenden Pathos.

Im Obergeschoss der Galerie ist eine vierteilige Werkgruppe ausgestellt, tafelbildgroße handkolorierte Silberbaryt-Fotografien (jeweils 7500 Mark), betitelt mit "Ländliche Wehrhaftigkeit" und "Urbane Wehrhaftigkeit". Während in der ersten Zweiergruppe der nur mit Shorts und Sandalen bekleidete Fotograf höchstselbst als Sense oder Spaten schwingender energischer zivilisatorischer Pionier auftaucht, erscheint er in der zweiten eher elegant mit Krawatte gekleidet als smarter Terrorist mit Komplizin inmitten der Potsdamer Platz Arkaden. Hier wie dort scheinen die Protagonisten von Merkels Fotos Posen nachzuahmen, die Maler früherer Zeiten für historische, mythologische oder allegorische Kompositionen verwendeten. Doch bei ihm verwandeln sie sich ins Lächerliche, entsprechend bilden Natur und moderne Architektur nur noch bonbonfarbige Kulisse.

Wie schon einmal zuvor am gleichen Ort hat Merkel auch diesmal direkt für den Raum eine Arbeit entwickelt. Ausgangspunkt dafür war eine Papierarbeit für das Kleist-Museum in Frankfurt / Oder. Als literarische Anregung diente "Penthesilea" von Heinrich von Kleist, als visuelle der Pergamon-Fries sowie Gemälde des klassizistischen englischen Malers John Flaxman. Die reale Vorlage bildeten zuletzt eigene Fotos von Personengruppen, deren Umrisse Merkel nachzeichnete bzw. für die Ausstellung lebensgroß mit schwarzer Acrylfarbe friesartig in Kopfhöhe auf die Wände des Eingangsraumes gemalt hat. Männer, Frauen und Tiere, einst hehre Verkörperungen des Menschengeschlechts und Symbolisierungen seiner Leidenschaften, agieren hier als modern gewandete Zeitgenossen mit Hunden. Im Jetzt angekommen, wird aus großen Dramen nerviges Geplänkel.Galerie Wohnmaschine, Tucholskystraße 35, bis 30. April; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 12-17 Uhr.

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