Kultur : "Snatch": Wer mit wem gegen wen?

Martin Schwickert

Das Schöne an Guy Ritchies Filmen ist, dass man sie nicht nacherzählen kann. Ein Freund versuchte mir einmal die Handlung von "Bube, Dame, König, Gras" zu erklären, aber nicht einmal die grundlegendsten Personalfragen (wer mit wem gegen wen?) konnten verbal zufriedenstellend geklärt werden. Schließlich malte er eine Skizze. Am Ende sah die Papierserviette aus wie ein Schnittmusterbogen.

Auch Ritchies zweiter Film "Snatch" lässt sich am besten aufmalen. In der Mitte des Blattes a) ein geklauter Diamant aus Antwerpen und b) ein Boxring für illegale Wettkämpfe in London. Um diese beiden Zentren kreisen verschiedene Verbrecherkollektive, die mit sehr viel Ungeschick versuchen, sich gegenseitig aus der Umlaufbahn zu werfen. In der Schnittmenge dieser gezeichneten Mengenlehre läuft ein Hund handlungsentscheidend hin und her. Am Rand findet sich eine Schweinefarm. Seit "Hannibal" weiß man, wofür diese Allesfresser von krimineller Seite benutzt werden können. Insgesamt gibt es etwa zwei Dutzend nahezu gleichberechtigte Spielteilnehmer, die auf klangvolle Namen wie "Franky Four Fingers", "Georgeous George" oder "Boris - die Klinge" hören und sortiert nach ethnischer Zugehörigkeit gegeneinander antreten.

Da überfällt ein Kommando im Auftrag des New Yorker Gangsterbosses Avi (Dennis Farina) mit Schläfenlocken und jüdisch-orthodoxem Outfit einen Diamantenhändler in Antwerpen. Der Edelsteinkurier (Benicio Del Toro) wird in London von einer afrobritischen Amateurgang in einem Wettbüro ausgeraubt, die auf der Lohnliste eines russischen Waffenhändlers (Rade Sherbedgia) steht. Das Wettbüro wiederum ist im Besitz von besagtem Schweinefarm-Mafioso (Alan Ford), und ein britischer Boxpromoter namens "Turkish" (Jason Stratham) droht an das Vieh verfüttert zu werden. Sein Faustkämpfer Mickey (Brad Pitt) gehört einem irischen Zigeunerclan an, dessen kriminelle Ziele durch einen schwer verständlichen Dialekt kunstvoll vernuschelt werden.

Man sieht, die Sache ist nicht nur dramaturgisch, sondern auch ethnologisch recht verwickelt und auf politisch korrekte Weise nicht zu Ende zu bringen. Guy Ritchie vertraut ohnehin darauf, dass sich die rassistischen Klischees im kriminellen Multi-Kulti-Trubel gegenseitig aufheben. Formal präsentiert sich "Snatch" als überarbeitete Neuauflage von Ritchies Kinodebüt "Bube, Dame, König, Gras". Der Low-Budget-Schmuddel-Look wurde über Bord geworfen, ein paar Hollywoodstars wurden ins schrullige Brit-Ensemble einsortiert sowie der sprunghafte Erzählstil und die rasante Schnitttechnik perfektioniert.

So dauert eine Reise von New York nach London hier nur noch drei Sekunden inklusive Taxifahrt, Concorde-Flug und Einreiseformalitäten. Auch "Snatch" ist übrigens ein reiner Jungs-Film. Die wilden Kerle sprechen in rauher Sprache miteinander. Die Größenverhältnisse im Schritt werden ausführlich debattiert, und verbale Drohungen sind direkt gegen die primären Geschlechtsmerkmale des Gegners gerichtet. Dabei sind die rivalisierenden Männergruppen derart mit sich selbst beschäftigt, dass Frauen noch nicht einmal als "love interests" vorkommen. Keiner der Spielteilnehmer ist überdies in der Lage, über den eigenen Rand hinauszuschauen, wodurch die Sandkastenkriege der Jungs aus der Vogelperspektive des Publikums zu einer äußerst unterhaltsamen Angelegenheit werden.

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