Kultur : Sándor Márai beobachtet Freunde in der Stunde der Abrechnung

Thomas Kraft

Imre Kertész vergleicht ihn in seinem "Galeerentagebuch" mit Thomas Mann und schätzt seine Tagebücher als "reichsten, umfassendsten und wichtigsten geistigen Abdruck dieser Zeit". Auch sein Landsmann Péter Esterházy bekräftigt in seinen jüngsten Essays dieses Urteil, wenn er die Bedeutung von Sándor Márai für die ungarische Literatur beschreibt. Im deutschsprachigen Raum blieb Sándor Márai bisher fast unbekannt, obwohl es seit den dreißiger Jahren immer wieder vereinzelte Übersetzungen gab. Erst der Initiative des italienischen Verlagshauses Adelphi, das weltweit die Übersetzungsrechte erwarb und 1998 mit der Veröffentlichung der Romane begann, ist die Wiederentdeckung dieses bemerkenswerten Autors zu verdanken. Eine geplante Neuverfilmung des Romans "Die Glut" mit Anthony Hopkins und Juliette Binoche wird diesen Erfolg sicherlich befördern.

Mit der "Glut" eröffnet auch der Piper Verlag seine Edition des Máraischen Romanwerks. Sándor Márai (1900-1989) veröffentlichte "Die Glut" einige Jahre, bevor er Ungarn 1948 aus politischen Gründen verließ und ein unstetes Emigrantendasein zu führen begann. Seine Bücher fielen bald der ungarischen Zensur zum Opfer; der einst berühmte Autor musste in kleinen Exilverlagen veröffentlichen und wurde erst postum in seiner Heimat rehabilitiert.

Es sind die großen Themen, denen sich Márai zuwendet: Freundschaft und Verrat, Liebe und Rache. Die Geschichte spielt in einem düsteren, einsam gelegenen Schloss am Fuße der Karpaten im Jahre 1940. Klassisch der Auslöser der Handlung: Ein Brief wird per Boten überbracht, ein Gast kündigt sich an, der Hausherr, ein ehemaliger General der österreichisch-ungarischen Armee, erwartet den alten Freund begierig zur Stunde der Abrechnung.

Was sich nach 41 langen Jahren des Wartens an einem einzigen Abend abspielen wird, wo die wahren Gründe für ihre überraschende Trennung lagen, welches ungeheuerliche Ereignis und welche quälenden Erinnerungen ihre Schatten über das Leben dieser Menschen warfen, dies wird in einer geschickt verknoteten Dramaturgie Stück für Stück bis hin zum Showdown entwickelt. Henrik und Konrád, so die Namen der beiden Freunde, kennen sich seit ihrer gemeinsamen Zeit in einer Wiener Kadettenanstalt. Ihre Zuneigung für einander und ihr intensives Zusammenleben - "sie wußten vom ersten Augenblick an, dass sie diese Begegnung für das ganze Leben verpflichtete" - schildert Márai vor dem Hintergrund der Wiener Gesellschaft und greift dabei mit manch pathetischer Wendung zuweilen etwas tief in den Topf der "Rührseligkeit" (Péter Esterházy). Diese Idealisierung des Männerbündlerischen und der maskulinen Erotik korrespondiert mit einer zauberischen Sinnlichkeit, die Márai vor der Kulisse der Donaumonarchie in den feinsten Nuancen beschwört. Márai hat eine glückliche Hand für das Beschreiben von Gerüchen, Klängen und Farben, seine Stimmungsbilder verschmelzen den Duft von Rindsgulasch, Sirupsaft und Burgunder mit Walzerklängen, dem Lachen amüsierter Damen und den Kommandos der Militärparaden.

Die Wertschätzung von Freundschaft und Treue richtet sich bewusst gegen ein weibliches Element, das später - in Gestalt von Krisztina, Henriks junger Ehefrau - als fremdes und wildes Gegenstück die Beziehung der Männer vor eine tödliche Herausforderung stellt. Im Grunde sind beide sehr verschieden: Henrik, ein Lebemann, Traditionalist, Pragmatiker, Soldat; Konrád, ein Schweiger, Leidenschaftlicher und Gefährdeter, ein Künstler. Als sich beide nach vier Jahrzehnten zum ersten Mal wieder gegenüberstehen, wird klar, dass sie diese Begegnung gesucht haben, um die zentrale Frage ihres Lebens zu klären. Nach anfänglicher Höflichkeit steuert Henrik in einem langen Monolog darauf zu: Warum zerbrach diese Freundschaft, weshalb floh der Freund, welche Rolle spielte die früh verstorbene Krisztina? Eine Dreiecksgeschichte, ein geplanter Mordanschlag, ein überstürzter Aufbruch, eine wortlose, unversöhnliche Trennung bis in den Tod - Márai verbindet diese Vorgänge mit Fragen nach Schuld, Vergebung und Sühne. In Henriks zuweilen etwas breit angelegter Rede entladen sich tiefe Enttäuschung und ein Glaube an die Unbedingtheit von Gefühlen. Konrád hat dem kaum etwas entgegenzusetzen, Fronten, Perspektiven und Charakterzüge verschieben sich während des Abends unmerklich, am Ende stehen Melancholie und das Wissen, die Liebe verraten zu haben, obwohl nur sie dem Leben Sinn verleihen kann.

"Ich schreibe einen Roman"; sagt Imre Kertész, "weil ich den denkbar größten Schmerz suche." Márai hätte sich diesen Satz als Motto für "Die Glut" sicher gut vorstellen können. Sein Roman zählt, auch dank einer gelungenen Übersetzung, zu den bewegendsten Liebesgeschichten unserer Zeit.Sándor Márai: Die Glut. Roman. Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort von Christina Viragh. Piper Verlag, München 1999. 224 Seiten, 36 Mark.

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