Sniper : Hier künstlert der Hirsch

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Ach, die neunziger Jahre! So massiv wie dieser Tage ist man lange nicht mehr mit der eigenen und der Club-Vergangenheit konfrontiert worden. Hier ein Buch über die ersten Tage von Berlin, dort eine Ausstellung über die Spaßmacher im Elektro oder der Galerie berlintokyo, und einen Roman über die Bar 25 gibt es nun auch. Ja, klar, die Bar 25, die gehört in die nuller Jahre. Aber ihre Eröffnung geschah ganz im Stil der Neunziger: Leer stehenden Raum entdecken und besetzen, Theken und Tanzflächen zusammenbasteln und ab die Post. Und dann entweder verschwinden oder Clubmonster werden.

Zu all der Historisierung und aufopferungsvollen wie womöglich lukrativen Erinnerungsarbeit passt, dass das Sniper wieder aufhat. Der Laden findet sich nach wie vor in der einstigen Gabelstaplerwerkstatt des Kombinats Radio- und Fernsehtechnik RFT, hinter einem Garagentor, gegenüber vom Eschloraque in einem Hinterhof der Rosenthalerstr. 39. Ob das Sniper wieder aufhat? Oder nie zu war? Drinnen sieht es nämlich immer noch so aus wie in den Neunzigern: rümpelig und kalt und nur bedingt einladend. Wie viel Schichten von Staub wohl auf dem Hirschgemälde hinter der Bar liegen?

Teil eines Kunstwerks zu sein, einer Installation, das war die Devise damals, das ist die von heute, da das Sniper immer donnerstags geöffnet hat (Ach, die Dienstags-, und Freitagsbars, sie harren noch der Historisierung!). Dumm nur, dass das früher aufregender war – und das Publikum mitgealtert ist. Man fühlt sich wie auf einem Jon-Spencer-Blues-Explosion-Konzert: Cool war gestern. Wenn aber alte Black-Sabbath-Stücke laufen und bis in den Morgengrauen diskutiert wird, wie vergnüglich die Lektüre von „Psychologie heute“ sein kann, passt es: Ist schon toll hier, in den guten alten neunziger Jahren!

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