Kultur : So begann der Tag

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Als der Nachtpilot an diesem lauen Sommerabend vor dem Brandenburger Tor landet, um nebenan durch das auf urig getrimmte Restaurant Tucher in eine am Treppenaufgang des Lokals hochgestreckte Salonbuchhandlung zu gelangen, wird im ersten Stock das E-Piano für den Satirikerstammtisch präpariert. Auf den Buchhandlungstischchen der Salonbuchhändlerin, einer bekennenden Kreuzbergerin, laden Faltblätter zum „Historical city walk with King Frederic the great.“ Im Salon, einem mit goldgerahmten Bildern, Antik-Möbeln und einer Videokamera vollgeräumten Hinterzimmer, setzen sich vier Kabarettisten auf das Sofa. Ein bekennender Bartträger improvisiert über George W.Bush. Ein anderer, vorgestellt als Hausautor des Ensembles „Die Oderhähne", liest seinen bewährten Fußballsketch und bedauert, dass man nicht alles aktualisieren kann. Ein grimmiger Brettl-Kämpe ns Lothar von Versen klampft seinen Blues über die deutschen Nachbarn: „Wer meiner spottet, wird ausgerottet.“ Ein Tenor namens Ralf, die gesunde Hälfte des erkrankten Kabarettduos Ralph & Ralf, schmettert Humoristisches zum „Skandalum Wowi“ über die Tische des gutmütigen Publikums: „Schwulsein reicht noch lang nicht aus.“ Beide Mundwinkel des zur Heiterkeit entschlossenen Piloten, der sich eine leibliche Tröstung nicht versagen mochte, hängen bis knapp auf die Bratkartoffeln. Die Sommernachtswitzschläge schrecken weder vor grundsätzlich Politischem („Tabus – was ja im Volksmund die Grenzen der Demokratie sind“) noch vor der Medienkritik („Bescherte es mir eine häufige Nennung/plädierte ich für die Witwenverbrennung“) oder kombinierter Fascho-FDP-Schelte zurück: „Wir streben nach wie vor die Weltherrschaft an“. Der Sommer wird heiß, scherzen die Unerbittlichen, „aber niemand läuft Gefahr, durch einen Hitzschlag der Gesinnung zu Schaden zu kommen.“ Als der Pilot beim Besuch der Ruheräume Monitoren mit Trailern aus dem Satirikerprogramm an den Pissoirs entdeckt, enthüllt sich ihm das größte Geheimnis der Veranstaltung: die Funktion der Salonkamera. Ostflug, nach Prenzlauer Berg.

Durch dicke Luftschwaden und Stapel von Zuschauern drängt der Pilot in das Eck-Etablissement Kookaburra am Beginn der Schönhauser Allee, früher war hier eine Bankfiliale. „Früher war alles anders, heute ist es so,“ sagen auf der Bühne zwei androgyne Lakonokomiker, die sich „Malediva“ nennen. Heute ist aus der Bank unter rosa Stuck hinter blauen Vorhängen ein Comedy Club geworden. Der Name des Lokals weist auf den indischen Patron hin, der Abend nennt sich „Sonntagsbrandl“ und stellt den jüngsten Versuch dar, in Berlin eine offene Kleinkunst-Show zu etablieren, für die sich exakt dieselben Protagonisten zusammenfinden wie zu den vorangegangenen offenen Kleinkunst-Shows. Auch das Auditorium rekrutiert sich aus den üblichen Entertainment-Verdächtigen, die darauf hoffen, von der Gastgeberin Martina Brandl beim nächsten Mal vielleicht selbst zum Auftritt geladen zu werden. Die langhaarige Gastgeberin liest eine selbstironische short story über ihre angeblich verpasste letzte Chance, „mit jemandem unter vierzig Sex zu haben, der noch Haare hat“. Unterstützt wird sie durch eine Schnellzeichnerin, deren Geschwindigkeit vom Brandlschen Rezitations-Tempo übertroffen wird, weshalb die Instant-Bilder eher vieldeutig aussehen und vom Piloten in der letzten Reihe schwer zu erkennen sind. Eine russische Sängerin, die bereits mit selbstgemachten deutschen Liedern in Berliner Kirchen aufgetreten ist, erklärt dem Piloten, warum sie nicht auf Russisch singt. Dann eilt sie nach vorn an ihren Tisch, um Tim Fischer nahe zu sein, den sie noch nie gehört hat. Fischer erscheint im schneeweißen Anzug. Jedes seiner Lieder ist ganz anders als das vorangegangene. Er hält keine Reserve zurück. Seine Scherze sind bitter, die Romantik ist finster, die Erzählungen sind sarkastisch. Er beginnt mit Martina Brandls erotisierter Hymne auf das Aspirin. Er feiert den Narzissmus der Misanthropie: „Weil ich verdrießlich bin, bin ich verdrießlich.“ Er hat als Einziger on stage Lust aufs Politische: „Ich wünsch mir ein mächtiges Deutschland zurück...“ Er malt in seiner Striptease-Ballade die Welt als Halbwelt der Fleischbeschau – „Wenn die Mädchen nackt sind/nicht mehr so abstrakt sind“ – und bilanziert knochentrocken den Profit der Fleischbeschauer: „Was sie sich erworben haben, weiß man nicht.“ Ein Sommernachtsliederstrauß mit bunten Dornen. Das indische Premierenbüffett wird in den Keller getragen. Hochflug, nach Tiergarten.

An der Potsdamer Straße, wo nicht nur große Medienhäuser florieren, sondern zahlreiche Ladenlokale immer häufiger den Mieter wechseln, landet der Pilot gegenüber dem Varieté „Wintergarten“ vor einem Beerdigungsinstitut. Das Café nebenan heißt Joseph Roth Diele, weil selbiger Schriftsteller hier in den 20er Jahren einen Roman geschrieben und im Nachbarhaus gewohnt hat. Steinboden, Holzverschalung, eine Stuckwindrose an der Decke mit dem Namenszug des Dichters. Blauweiße Kacheln. Stoffblumen. Hinter der Theke belegte Graubrotstullen. Im Kamin ein Schellackgrammophon. In der Ecke zum Hof eine Rockabilly-Band. Der Sänger trägt Schlägerkappe und erklärt den Gang der Musikgeschichte: „Verschiedene Leute haben damals verschiedene Songs gemacht.“ Dann singt er: „I`d like to go somewhere to hold you in my arms.“ Draußen schlendert der Kiez vorbei und schaut herein. Die Devotionalienhändlerin von nebenan tanzt jetzt unter der Windrose mit einem männlichen Pferdeschwanz. Die Pokerface-Musiker peitschen das Tempo und die Reibung und die Bewegung und den Lärm und den Rhythmus und die Fließband-Egalité der modern times durch den Saal. Dazwischen hängen in Bilderrahmen, zusammenmontiert aus Zeitschriftentypografien, Zitate von Joseph Roth. „Die Liebe nämlich, meine Freunde, macht uns nicht blind, wie das unsinnige Sprichwort sagt, sondern sehend.“ Ein Blondinentrio von der Straße drängt vor zur Theke. „Sie ging in die Küche zurück und kehrte mit zwei Schüsseln dampfender Suppe zurück.“ Die Hand des Bassisten biegt sich, als sei sie aus Gummi. „Die meisten hatten Frauen aus Irrtum, aus Einsamkeit, aus Liebe, was weiß man! Alle gehorchten den Frauen aus Furcht und aus Ritterlichkeit und aus Gewohnheit und aus Angst vor der Einsamkeit: was weiß man!“ Die Wirtin preist ihren Matjessalat. „Also verrannen die Jahre.“ Ein Ziegenbart mit Mütze, Aufschrift „Disko Polonia", diskutiert mit der Wirtin. „O Babe, babe, babe“, singt der Rockabilly-Sänger. „Er ließ sie in Kattowitz alleine und verschwand auf Nimmerwiedersehen,“ schreibt Joseph Roth über seine Eltern, so steht es an der Wand. Das Caféhaus ist Stube und Passage. Auf einem Foto neben der Theke sieht der Dichter aus wie R.W.Fassbinder, vielleicht ist es Fassbinder. Die Devotionalienhändlerin schmeißt beim Tanzen ein Glas um und keucht: „Jetzt brauch ich einen Bypass.“ Sommernachtspoesie. „Mit einem Blitz schlug die Sonne ans Fenster, traf den blanken Samowar ans Blech und entzündete ihn zu einem gewölbten Spiegel. So begann der Tag.“ Thomas Lackmann

Salonbuchhandlung im Tucher, Pariser Platz 6a, Tel. 22489639. – Kookaburra, Schönhauser Allee 184, Tel. 48623186. - Joseph Roth Diele, Potsdamer Str. 75, Tel. 26369884.

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