Kultur : So ein Pech

Der Deutsche Orchestertag diskutierte in Berlin

Uwe Friedrich

Es wurde wenig gejammert auf dem zweiten Deutschen Orchestertag Anfang der Woche in Berlin – wahrscheinlich weil keine Orchestermusiker zu sehen waren. Unter dem Motto „Streitkultur – Kulturstreit“ trafen sich Intendanten, Geschäftsführer und Dramaturgen zu Gedankenaustausch und Fortbildung. Im Mittelpunkt stand eine Podiumsdiskussion mit Kulturpolitikern. Der Bochumer Kulturdezernent Hans-Georg Küppers etwa regte an, sich zu fragen, welchen ästhetischen, moralischen und gesellschaftskritischen Sinn die Hochkultur noch habe. Glückliches Ruhrgebiet: Bochum baut gerade einen neuen Konzertsaal ...

In Berlin hingegen sollen bei den Orchestern auch nach Abwicklung der Symphoniker noch 6 Millionen Euro gespart werden. Staatssekretärin Barbara Kisseler räumte ein, „dass im Zuge der Haushaltsberatungen 2002 niemand, sicherlich auch nicht der Kultursenator, so ganz aufgepasst hat, als diese Einsparsumme ausgerechnet beim Haushaltstitel der Orchester landete.“ Und weiter: „Da kann es passieren, dass man an irgendeiner Stelle ein Kreuzchen macht und sich nicht so ganz überlegt, wie man das hinterher umsetzen will.“ Wenn sie könnte, würde Kisseler wohl die Verträge für die Rundfunkorchester und -chöre kündigen, auch wenn dort wenig Geld zu holen ist.

Auch die Orchestermanager wissen, dass nicht jede Sonderregelung im Tarifvertrag zu halten sein wird. Rolf Bolwin vom Deutschen Bühnenverein informierte hinter verschlossenen Türen über den Verhandlungsstand. Andererseits haben sich in den letzten Jahren gerade die starren Vertragsbestimmungen der Orchester als Bollwerk gegen Theaterschließungen erwiesen. Von der Münchner Kulturreferentin Lydia Hartl hätte man deshalb gerne gewusst, wie sie sich eine zukunftsträchtige Tarifstruktur vorstellt.

Von München bis Berlin: Jeder weiß es, dass wohl noch weitere Orchester abgewickelt werden. Am Nordharzer Städtebundtheater zum Beispiel wurden vier Jahre Zuwendungssicherheit mit dem Verzicht auf zehn der 45 Orchesterstellen erkauft. Bald wird sich Intendant Kay Metzger fragen müssen, ob er überhaupt noch Qualität bieten kann. Dennoch schaut Orchestertag-Mitorganisator Anselm Rose mit offensivem Optimismus in die Zukunft. Er ist Intendant der Münchner Symphoniker, die lange von der Schließung bedroht waren, und wechselt nun zu den Dresdner Philharmonikern. Marketing, Crossover und Event heißen die nach wie vor bejubelten Zauberworte.

Gitta Connemann, Vorsitzende der Kultur-Enquétekommission des Bundestags teilte mit, die Chancen stünden gut, dass der Kulturauftrag neben Tier- und Naturschutz als Staatsziel ins Grundgesetz geschrieben wird. Das ist schön. Den praktischen Nutzen konnte sie allerdings nicht recht klar- machen.

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