Kultur : So groß mit Hut

Muttersohn, Indianertöter, patriotisches Idol: Vor hundert Jahren wurde John Wayne geboren, der größte Westernheld Hollywoods

Christian Schröder

Am Anfang von „The Searchers“, den viele Kritiker für den besten Western aller Zeiten halten, reitet der Held direkt auf die Kamera zu. Er ist ein kleiner Punkt in der Wüste, der langsam größer wird, dann erkennt der Zuschauer, dass der Reiter einen grauen Militärmantel und einen Offizierssäbel trägt. Der Film spielt 1868 in Texas, der amerikanische Bürgerkrieg ist seit drei Jahren vorbei, aber John Wayne hat seine zerschlissene Südstaatlertracht immer noch nicht abgelegt. Seine Armee hat verloren, doch für diesen Ethan Edwards, einen spätheimkehrenden Streuner, geht der Kampf einfach weiter. Wenn nicht gegen die Yankees, dann eben gegen die Indianer. „Ich halte nicht viel vom Waffenstrecken“, sagt er. Seine Unbeugsamkeit grenzt an Fanatismus. Der Leiche eines der Komantschen, die seinen Bruder und dessen Familie ermordet haben, schießt er die Augen aus. Damit er auch nach dem Tod keine Ruhe findet.

„The Searchers“ (deutscher Titel: „Der schwarze Falke“), 1956 von John Ford inszeniert, ist ein dunkel funkelndes Epos voller mythologischer und biblischer Verweise. Wayne spielt einen zerrissenen Charakter, einen Außenseiter mit Seelennarben, der sich zum Rächer berufen fühlt. Vom jugendlichen Draufgängertum früherer Rollen ist nichts mehr zu spüren, Edwards ist ein Muster der Beharrlichkeit. Um seine von den Indianern entführte Nichte zu finden, begibt er sich auf eine jahrelange Odyssee. Es ist ein donquichotesker Feldzug, der zu keinem guten Ende führen kann. Als er der von Natalie Wood gespielten Nichte schließlich gegenübersteht, will er sie erschießen, weil sie in der Gefangenschaft selber zur Indianerin geworden ist. „Es ist unmöglich, John Wayne nicht zu hassen, wenn er sich für einen Mann wie Goldwater (den ultrarechten republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater, Anm. d. Red.) einsetzt. Und es ist unmöglich, Wayne nicht zu lieben, wenn er im letzten Akt der Searchers plötzlich Natalie Wood in seine Arme nimmt“, hat Jean-Luc Godard über den Film gesagt.

Der Western ist das Genre der heroischen Einzelgänger. „Das Leben besteht aus Kampf“, heißt es in „The Searchers“. „Unsere Großeltern mussten zum Gewehr greifen, um ihre Farmen zu verteidigen, und das werden auch unsere Kinder tun müssen. Aber irgendwann einmal, vielleicht in hundert Jahren, wird dies ein friedliches, blühendes Land sein.“ Es geht darum, sich die Wildnis untertan zu machen, und die Männer, die dabei die Grenzen der Zivilisation immer weiter nach Westen verschieben, sind wortkarge Eroberer, die keinem Gesetz gehorchen, nur ihrer eigenen Moral. Sie gehen lieber kämpfend unter als sich zu unterwerfen. Diese Tugenden der Pionierzeit, die dem Glücksversprechen der amerikanischen Verfassung für jeden einzelnen Bürger entsprechen, hat kein anderer Schauspieler so überzeugend verkörpert wie John Wayne, der heute vor hundert Jahren in Iowa geboren wurde. Er ist der größte amerikanische Held, den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

„Kein anderer Amerikaner wurde stärker mit diesem Land identifiziert als John Wayne. Für Millionen Menschen in der ganzen Welt ist er Amerika“, schreiben die Filmhistoriker Randy Roberts und James S. Olson in ihrer Biografie, die schlicht „John Wayne: American“ (New York 1995) heißt. An Waynes Popularität ließ sich immer auch die Wertschätzung seines Landes ablesen. In den fünfziger Jahren, als die Strahlkraft des amerikanischen Traums noch ungebrochen war, stieg der Schauspieler zum Kassenmagneten auf, der seinen Produzenten bis dato unvorstellbare Gewinne von 400 Millionen Dollar bescherte. In den späten sechziger Jahren, der Ära von Vietnamkrieg, Woodstock und der Ermordung von Martin Luther King, knickte seine Karriere. Wayne, der nie beim Militär war, drehte den patriotischen Kriegsfilm „The Green Berets“, flog nach Südvietnam, um die kämpfende Truppe zu unterstützen, und pöbelte in einem berüchtigten „Playboy“-Interview gegen Studenten, Liberale und Schwarze.

Mit seiner demonstrativ auftrumpfenden Männlichkeit hat John Wayne, so die These von Roberts und Olson, tief sitzende Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren versucht. Um die Anerkennung seiner Mutter buhlte er jahrzehntelang, aber selbst als er reich genug war, ihr luxuriöse Weltreisen zu schenken, hielt sie ihn noch für einen Versager und blaffte: „I don’t give a damn about him“, er ist mir scheißegal.

Geboren wurde der Muttersohn als Marion Robert Morrison, sein Vater, Apotheker und Alkoholiker, trennte sich früh von der Familie. Im Alter von fünf Jahren bekam Marion Robert einen Bruder und verlor, ein traumatisches Ereignis, seinen Namen. Die Mutter nannte den Neugeborenen, von nun an zeitlebens ihr Liebling, „Robert“, der ältere Sohn hieß jetzt „Michael“. „Duke“, den berühmten Spitznamen bekam Morrison/Wayne dann von Nachbarn in Glendale, dem Vorort von Los Angeles, in dem er aufwuchs, weil er immer mit seinem Airedale-Hund namens „Duke“ zur Schule lief. In Hollywood wurde er schließlich in „John Wayne“ umgetauft. Die Produzenten fanden, „Duke Morrison“ klinge nicht amerikanisch genug.

„Komisch, ich hätte nie gedacht, dass der Hurensohn schauspielern kann“, hat John Ford, Waynes Entdecker, bei den Dreharbeiten zu „Red River“ (1948) zu Howard Hawks gesagt, dem anderen prägenden Regisseur in Waynes Karriere. Kennengelernt hatte Ford den Schauspieler schon 1926, als der als College-Student auf dem Fox-Studiogelände in Glendale aushilfsweise Requisiten schleppte. John Wayne fiel auf, weil er 1 Meter 93 groß war und sportlich wirkte. Er spielte Football in einer Hochschulmannschaft und hatte, das bemerkte der Regisseur sofort, Charisma. Ford gab ihm eine kleine Rolle in seinem Film „Mother Machree“.

Danach dreht John Wayne bis zu dreizehn Filme pro Jahr, billige, schnell produzierte Melodramen mit Titeln wie „Haunted Gold“ oder „Ride him, Cowboy“, mit denen er keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Den Durchbruch zum Star schafft er 1939 in „Stagecoach“. Fords früher Klassiker ist ein Western als rollendes Kammerspiel. Eine Postkutsche bricht zu einer „Höllenfahrt nach Sante Fé“ – so der deutsche Titel – und wird unterwegs von Apachen und Banditen attackiert. Wayne spielt Ringo, einen geradlinigen Gunfighter, der aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und sich auf die Seite der Guten schlägt.

Als die legendäre Reporterin Margret Dünser 1971 John Wayne in Hollywood trifft, wird ihr Fernsehinterview wie ein Westernduell inszeniert. Aus den Kulissen einer Filmstadt schlendert der Schauspieler in seinem unnachahmlichen wiegenden Hohlkreuzgang auf die Journalistin zu. Er trägt die Kluft des Westerners – Stetson, Rodeohose, Stiefel mit Sporen – und schimpft über den Niedergang des Kinos: „Hier bestimmen jetzt Börsenspekulanten, die nur noch am Profit interessiert sind“. Ob er wirklich so stark sei, wie sein Filmimage ihn zeige, will die Reporterin wissen. „Hätte ich sonst die schweren Operationen überstanden?“, antwortet er. „Allein durch meinen Willen habe ich den Krebs besiegt.“

Es ist kein Sieg, nur die Illusion eines Sieges. Die Krankheit kehrt zurück. Sein letzter Film „The Shootist“ ist autobiografisch. Er spielt einen Revolverhelden, der weiß, dass er seinen letzten Gegner, den Krebs, nicht besiegen kann. John Wayne stirbt am 11. Juni 1979, ein halbes Jahr nach der Premiere.

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