Kultur : So gut wie Gold

VANESSA MÜLLER

Es war eine einfache Legierung aus Kupfer und Zinn, aber sie leitete ein ganz neues Zeitalter ein: die Bronze. Mit der Technologie der Metallverarbeitung entstand eine neue Handwerkskunst. Doch die Erfindung markiert auch den Beginn politischer wie religiöser Elitenbildung. Weitläufiger Handel und der Import von Rohmaterialien aus entfernten Gebieten taten ein übriges, das Terrain zu ebnen für die Entstehung einer distinkt europäischen Kultur. Daß die Bronzezeit zudem als das erste "goldene Zeitalter" gilt und den Anfang der Überlieferung unserer Geschichte markiert, prädestiniert sie geradezu zum Gegenstand einer jener Ausstellungen des Europarats, die Geschichtsträchtiges aus der kontinentalen Vergangenheit aufwendig in Szene setzen.Nach Kopenhagen sind die zahlreichen Preziosen aus der Zeit der ersten Helden und Götter jetzt in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle zu sehen. Fast 250 Leihgaben aus ganz Europa, arrangiert in fünf Kapiteln, zeichnen Stationen dieser fast 2000 Jahre währenden Epoche nach. Am Ende des Rundgangs steht die "Geburt Europas" als Erfindung der Schrift und damit der Geschichtsschreibung. Das geschriebene Wort, konserviert in Tontafeln, scheint ein wichtiges Machtinstrument gewesen zu sein, das auf die Existenz eines komplexen wirtschaftlichen wie politischen Systems schließen läßt. Entziffern läßt sich die als "Linear A" bekannte Hieroglyphenschrift indessen bis heute nicht. Überhaupt tragen noch viele der archäologischen Schätze ihr Geheimnis.So waren die prunkvollen "Goldhüte", Glanzstücke der Ausstellung, zwar offensichtlich Bestandteil religiöser Kulte, ob es sich bei den reich verzierten Goldkegeln jedoch tatsächlich um Kopfbedeckungen handelt, ist alles andere als klar. Vielleicht sind es auch deshalb bekannte Heroen wie Odysseus, die das Bild vom Leben in jenen dunklen Zeiten präsent halten. Die älteste Literatur Europas, Homers "Ilias" und "Odyssee", die als Zitat den Weg durch die Ausstellung begleitet, macht deutlich, wie sehr die Bronzezeit auch die der Mythen ist. Andererseits liefern die ausgesuchten Exponate sehr anschaulich den Beweis, daß die Bronze auch im Norden zu Hause war, in Stonehenge etwa. Zwischen 2400 und 600 v. Chr. erstreckte sich vom südlichen Schweden bis zum Mittelmeer ein dicht gewebtes Netz aus Handelsbeziehungen, das auch für kulturellen Austausch sorgte. Motive wie die Doppelaxt, die Sonne oder der Stier finden sich auf dem Gold der mykenischen Königsgräber ebenso wie auf Bronzeschmuck aus Dänemark. Auch das Prunkstück der nordischen Bronzezeit, die Plastik des Sonnenwagens von Trundholm, und der griechische Sonnengott Helios teilen sich die Ikonographie. Und wo es pragmatisch wird, bei Speerspitzen und Rüstungsteilen, bestimmte bereits in der Bronzezeit die Form die Funktion.

Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik, bis 22. 8.; Katalog 49 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar