Kultur : So jung kommen wir nicht wieder zusammen

Er wird weltweit als Solist gefeiert: Doch Lars Vogt will kein abgehobener Klaviervirtuose werden. Das gefällt den Berliner Philharmonikern. In dieser Saison haben sie ihn als „pianist in residence“ eingeladen

Frederik Hanssen

Lars Vogt gehört zu jener Sorte von Künstlern, die man einfach sofort sympathisch findet. Und zwar sowohl auf der Bühne als auch im Alltag. Keinerlei Starallüren – obwohl seine Karrierekurve seit Jahren steil nach oben zeigt –, kein optisches Schnickschnack-Gehabe, keine geschmacklichen Extravaganzen bei der Wahl seines Repertoires. Lars Vogt spielt mit Vorliebe Werke der ganz Großen, vor allem der ganz großen Vordenker unter den Komponisten – und zwar mit Ernsthaftigkeit und ehrlicher Hingabe. Seine Deutungen von Beethoven und Brahms, Schostakowitsch und Ligeti zielen immer genau auf den Punkt. Angetäuschte Umwege, nur der effektvollen Geste wegen, liegen ihm nicht. Wenn er sich ans Klavier setzt, hat er aber trotzdem Spaß.

Das hat schon vor 13 Jahren Simon Rattle hervorragend gefallen. Damals war Lars Vogt gerade zwanzig und zweiter Preisträger beim Internationalen Klavierwettbewerb im englischen Leeds. Rattle begleitete mit seinem City of Birmingham Symphony Orchestra das Abschlusskonzert – und danach Lars Vogts Karriere mit intensivem Interesse. Die beiden passen wirklich zusammen. Rattle ist auch so ein Sofort-Sympathie-Erreger. Und ein ergebnisorientierter Hedonist. Zwischen zwei im künstlerischen Denken und Fühlen so verwandten Seelen springt der Funke schnell über. „Ich glaube, wir werden viele Konzerte miteinander machen“, hatte der Dirigent dem Pianisten 1990 nach der ersten und einzigen Probe für das Konzert in Leeds lächelnd gesagt. Und den jungen Pianisten nach Los Angeles eingeladen, wo beide gemeinsam 20 000 Menschen in der Hollywood Bowl begeisterten.

Jetzt haben die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle für ihren musikalischen Freund Lars Vogt etwas ganz Neues erfunden: den „pianist in residence“. In dieser Saison ist er also der Hauspianist der Philharmonie. Das heißt, er durfte sich nach freiem Belieben eine ganze Serie von Konzerten zusammenstellen, die er gemeinsam mit Musikern des Orchesters erarbeiten wird. Nicht nur der Chefdirigent, auch der Orchestervorstand und Kontrabassist Peter Riegelbauer weiß, worauf sich die Philharmoniker da einlassen: Er kennt Lars Vogt aus Heimbach, einem kleinen Ort in der Eifel, wo der Klaviervirtuose mit Frau und Kind seinen Wohnsitz hat. Und ein eigenes Festival. Seit fünf Jahren versammelt Vogt hier im Sommer seine Künstlerfreunde, um gemeinsam Kammermusik zu machen. „Als Klavierspieler ist man zwangsläufig die meiste Zeit ein Einzelgänger, beim Üben wie auch auf Gastspielreisen. Darum sind Orchestermusiker meist auch viel kommunikativer als Pianisten. Und sie haben mehr Spaß miteinander“, erzählt Lars Vogt, und blitzt seinen Gesprächspartner durch die Gläser seiner randlose Brille vielsagend an. „Wenn man sich einkapselt, kommt man nicht weiter, weder menschlich noch künstlerisch.“ Als ihm diese Erkenntnis kam – da war er gerade 16 –, nahm sich Lars Vogt vor, seine Karriere zweigleisig zu fahren, immer wieder aus der Solistenlaufbahn auszuscheren, um mit Gleichgesinnten in kleinen Besetzungen zu musizieren. So verwundert es kaum, dass von den 18 CDs, die seine Plattenfirma EMI derzeit im Katalog hat, zehn der Kammermusik gewidmet sind. Als Solist kann man Lars Vogt mit Schumann, Beethoven, Brahms und Mussorgski hören. Und dann ist da natürlich noch die grandios geradlinige Einspielung der ersten beiden Beethoven-Klavierkonzerte, die er mit Simon Rattle vorgelegt hat.

Als Lars Vogt im März 2003 nach Salzburg fuhr, um im Rahmen der Osterfestspiele sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle zu geben, war er ganz schön nervös, wie er unumwunden zugibt: „Doch kaum hatte die Probe begonnen, stellte sich sofort ein Gefühl der Vertrautheit ein. Da wusste ich: Jetzt bist du wieder zu Hause.“ Simon Rattle hat das ganz genauso erlebt: „Ich fand es immer wichtig, sich eine künstlerische Familie zu schaffen. Wie erwartet, haben wir alle zu Ostern Lars als Konzertpianist wie als Kammermusiker ins Herz geschlossen. Wir dachten dann, es wäre doch wunderbar, wenn er mit der philharmonischen Familie musizierte.“

Zum Start der Konzertreihe wagen sich Lars Vogt und die drei Philharmoniker Thomas Timm, Naoko Shimizu und Martin Löhr am Mittwoch im Kammermusiksaal an ein reines Schostakowitsch-Programm, das den größten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts in allen seinen Facetten zeigt, von der Cello-Sonate Opus 40 über das e-Moll Klaviertrio bis zu seinem letzten Werk, der Sonate für Viola und Klavier. Mit den Stipendiaten der Orchersterakademie wird der Pianist auf Anregung von Rattle im Februar unter anderem das „Concertino“ und das „Capriccio“ von Leos Janacek erarbeiten. Zwei Stücke, die auch für ihn neu sind.

„Nachdem die Philharmoniker mir für die Programmgestaltung carte blanche gegeben hatten, kam mir als Brahms-Fan zunächst die Idee, dessen komplette Kammermusik aufzuführen“, verrät Vogt. „Dann allerdings erschien mir das für einen 33-Jährigen doch etwas zu konservativ.“ So mischte er nun Brahms mit Ligeti und Bartok am 11. Januar, stellt am 22. Mai Mozart und Schumann gegen Kurtag und Alban Berg. Beethoven dagegen spart er sich für seinen Auftritt mit Rattle und dem Orchester Ende April auf: „In seinem ersten Klavierkonzert definiert Beethoven die Beziehung des Solisten zu seinen Begleitern im demokratischen Geist neu, so dass durchaus eine Art Kammermusiksituation entsteht, bei der sich Klavier und Orchester auf Augenhöhe begegnen.“ Na, das passt doch!

Seinen ersten Auftritt als „pianist in residence" hat Lars Vogt am 17. Dezember um 20 Uhr im Kammermusiksaal der Philharmonie. Für alle vier Kammermusikkonzerte bieten die Philharmoniker ein Abonnement zu Sonderkonditionen an.

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