Kultur : So kam die Moderne auch nach West-Berlin

Hermann Rudolph

Nichts ist ihm fremder als gewollte Originalität oder forcierte Angestrengtheit. Heinz Ohffs Texte müssen sich nicht interessant machen. Denn sie haben etwas anderes: eine unnachahmliche Leichtigkeit. Sie hebt ohne Verrenkung ins Bewusstsein des Lesers, wofür der Autor ihn interessieren will: vor allem die bildende Kunst, oft auch Literatur, Persönlichkeiten oder auch nur dies und das, Schottland oder die Sprache der Berliner. Denn in seiner Vielfalt ist er ganz alte Schule - nur dass er mit seinen Vorlieben immer modern war. Man möchte Heinz Ohff - nehmt alles nur in allem - die ideale Verkörperung des Kulturjournalismus nennen, wenn nicht seine Bescheidenheit und sein Stil es verböten, ihm eine solche Gloriole zu winden.

Heinz Ohff hat rund ein Vierteljahrhundert lang das Feuilleton dieser Zeitung geleitet: Nicht zuletzt ihm verankt es seinen Ruf. Der Kunstkritiker, der er in erster Linie ist, war in Berlin Legende - und ist es bei den Älteren noch. Denn noch immer gehören die Geschichten über sein Eintreten für die "jungen Wilden" in den siebziger und achtziger Jahren zum Anektoden-Repertoire Berliner Kunstliebhaber. Und das Aufblühen der bildenden Kunst in den sechziger Jahren, dieser wichtigen Phase des Berliner Kulturbetriebs, hat er zum nicht geringen Teil mit erschrieben. Aber Ohff ist auch ein Literaturkritiker von stupender Format, vor allem der englischen Literatur. Und seitdem er im Ruhestand ist - und die Hälfte des Jahres in Cornwall lebt -, hat er eine zweite Laufbahn als Biograf absolviert: Königin Luise, Fürst Pückler, Fontane, Schinkel - der ganze Kranz der Sterne in Preußens Wetterwolken (um den Untertitel seines Luise-Buchs zu zitieren).

Was ist es, dass man Ohff lauter Lobreden widmen möchte? Seine Liebenswürdigkeit als Kollege und Zeitgenosse? Der Reichtum seiner Kenntnisse? Vielleicht ist es das Beispiel einer über nun bald ein halbes Jahrhundert ausgedehnten fördernden, inspirierenden und korrigierenden Anteilnahme am Kulturleben dieser Stadt - zum Ausdruck gebracht in Tausenden von Kritiken, Berichten und Glossen. Ein nicht zu überschätzendes Kapital für eine Stadt, die um ihre Lebensform rang. Und auch für diese Zeitung, denn für sie schuf diese Anstrengung einen verlässlichen Resonanzboden bei ihren Lesern - und sei es mit den beliebten Weihnachtsrätseln, deren Autor Ohff seit 30 Jahren ist.

Dabei ist Ohff kein Berliner. Er stammt aus Eutin in der holsteinischen Schweiz; sein Berufsweg hat ihn nach Stationen in Heidelberg und Bremen erst mit knapp 40 Jahren nach Berlin geführt. Der Untergrund seiner Existenz ist denn auch eher die Erfahrung seiner Generation im Dritten Reich und im Krieg - der "leidgeprüfte Optimismus, dem wir alle angehangen haben", wie er es einmal genannt hat. Diese Generationsprägung fand in Berlin den ihr gemäßen Boden. In Berlin? In West-Berlin. Ohff lässt - ohne pathetisch zu werden - auf diese Lebensform nichts kommen, zumal auf ihre bildungsbürgerliche Seite. Und wenn dieses West-Berlin bald so weit zurückliegen wird wie Fontanes Effi Briest- und Frau Jenny Treibel-Berlin, - wie er, ganz unsentimental, vermutet - dann wird er als eine seiner gelungensten Gestalten darin firmieren - wahrhaftig wert, vom Altmeister selbst erfunden zu sein.

Heute wird Heinz Ohff 80 Jahre alt. Wohl einer Redaktion, die solche Autoren hat! Aber was heisst hier: hatte? Sie hat ihn ja noch und wird ihn hoffentlich - in unverändert guter Verfassung, unermüdlich tätig, wie er ist - noch lange haben. Am nächsten Buch sitzt er schon.

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