So kann’s gehen : Akzeptiere ich die Entschuldigung?

Elisabeth Binder

Vor einigen Monaten gab ich einem Bekannten eine Zeitschrift, von der ich wusste, dass sie ihn interessieren würde. Als ich mehrfach nachfragte, ob ich sie zurückbekommen könne, gab er zu, sie verlegt zu haben. Wochen später tauchte er unerwartet auf und drückte mir die Zeitschrift mit Entschuldigungsschreiben und einer Rose in die Hand, während er auf dem Handy telefonierte.

Was auf den ersten Blick aussieht, wie eindeutig schlechtes Benehmen, hinterlässt bei mir trotzdem den Eindruck, es müsse sich bei Ihrem Bekannten um einen besonders netten Menschen handeln. Okay, Sie haben unaufgefordert eine Zeitschrift weitergegeben und waren enttäuscht, dass der Empfänger sie nicht mit der erwarteten Sorgfalt behandelt hat. Aber man kann nie genau wissen, wie sehr etwas, das man selber wichtig findet, einen anderen interessiert. Man sollte grundsätzlich keine übermäßige Dankbarkeit erwarten. Vielleicht hätten Sie ihm die Zeitschrift einfach schenken sollen. Etwas auszuleihen und unbedingt wiederhaben zu wollen, kann auch signalisieren, dass man einen Kontakt intensivieren möchte. Dazu gehören aber immer zwei. Dass der Bekannte sich nun die Mühe gemacht hat, die Zeitschrift wiederzusuchen, einen Entschuldigungsbrief zu schreiben und eine Rose zu kaufen, beweist doch eindeutig, dass er voller Goodwill ist und so nett, dass er es wert wäre, Teil des Freundeskreises zu sein. Wahrscheinlich hat er das mit dem Handygespräch extra so inszeniert, um Rose und Entschuldigungsschreiben zu relativieren und Ihnen peinliche Dankesarien à la „Das wäre doch nicht nötig gewesen“ zu ersparen.

Vielleicht sollte man nicht zu viele Umwege gehen. Eine Kaffeetafel oder Cocktailparty, zu der Sie eine Handvoll guter Freunde einladen und den schusseligen Rosenkavalier gleich dazu, könnte eine Einladung zur Freundschaft manifestieren. Und Sie müssten nicht so um Ihr Eigentum bangen.

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