So kann’s gehen : Darf die Serviette ans Kettchen?

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Wenn ich in einem Restaurant esse, lege ich mir meist eine Serviette um – richtig weit oben, gehalten mit einem dieser praktischen Serviettenkettchen. Es ist ein elegantes Familienstück aus Silber. Nur so schütze ich meine Bluse wirklich vor Sugo-Spritzern und Gorgonzola-Klecksen. Aber immer werde ich angestarrt, als säße ich da im verdreckten Blaumann. Die Leute tuscheln über mein praktisches Accessoire. Allmählich zweifle ich selbst: Ist so ein Kettchen unfein?

Könnte es sein, dass die Tuschler neidisch sind auf Ihren Mut, Ihre Individualität, Ihren Sinn fürs Praktische? In den wenigsten Familien werden silberne Serviettenketten vererbt. Die Mehrzahl wird von der Existenz eines solchen Accessoires noch nie gehört haben. Natürlich sieht das zunächst einmal ungewöhnlich aus, normalerweise legt man sich die Serviette schließlich in den Schoß. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Tomatensauce exakt dahin spritzt und nicht auf die Bluse ist leider nicht besonders groß.

Kürzlich wurde ich gefragt, ob Herren beim Essen die Krawatte über die Schulter werfen dürfen, um sie vor Spritzern zu schonen. Im vertrauten Kreis von Freunden oder Kollegen geht so was immer. Da dürfte auch das Kettchen kein Problem sein. Wenn man allein im Restaurant sitzt, und man schräge Blicke oder Getuschel aushalten kann, ist das auch in Ordnung. Beim Geschäftsessen oder beim Vorstellungslunch würde ich aber lieber zu einer gut waschbaren Bluse oder einer strapazierfähigen Krawatte greifen. Denn natürlich läuft man vor allem mit der Kette Gefahr, auch ein bisschen komisch oder skurril gefunden zu werden. Im Alltag ist das egal, aber wenn es drauf ankommt, könnte die Kette, so elegant sie auch ist, zum Zünglein an der Waage werden und diese Rolle möchte man ihr vielleicht nicht übertragen. Familienstücke haben auch was mit Familiengeschmack zu tun.

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