So kann’s gehen : Darf ich im Gästebuch blättern?

Elisabeth Binder

Im Bekanntenkreis wurde ein Gästebuch herumgereicht und um eine Eintragung gebeten. Einer der Gäste begann zurückzublättern und frühere Einträge zu lesen, worauf die Gastgeberin ärgerlich reagierte. Sie meinte, damit sei die Privatsphäre verletzt. Ist das der Fall?

Wie privat ein Gästebuch ist, liegt natürlich einerseits im Auge des Besitzers. Andererseits finde ich die Reaktion der Gastgeberin schon etwas seltsam. Denn wenn man so ein Buch herumreicht, muss man damit rechnen, dass sich die Einschreibenden Anregungen holen wollen, wie man so was macht, oder dass sie einfach neugierig sind. Sicher, das kann zu diplomatischen Verwicklungen führen, wenn da beispielsweise ein großes Abendessen aufgeführt ist, von dem der Gast gar nichts wusste, aber vielleicht das Gefühl hat, dass er dort auch dazugehört hätte. Nichts ist so schwer, wie das Gästelistenmanagement. Insofern war der Ärger der Gastgeberin vielleicht nur der Nervosität geschuldet, Porzellan zu zerschlagen. Oder sie hatte Angst, der peinliche Eintrag eines anderen Gastes könne öffentlich werden. Als Besucher schreibt man natürlich keine Intimitäten und möglichst auch keine blöden Witze, sondern rechnet damit, von vielen gelesen zu werden. Auch deshalb wird man den Eintrag in der Regel mit einem kleinen Kompliment für die Gastgeber verbinden. So ein Buch ist schließlich auch eine schöne Erinnerung an Feste, die Geld und Arbeit kosten.

Der zünftig losblätternde Gast hat vermutlich ganz unbefangen gehandelt, hätte aber auch etwas besser machen können. Warum nicht kurz fragen: „Darf ich mal durchblättern?“ Das wirkt höflich und nicht so besitzergreifend. Und wenn die Gastgeberin tatsächlich so verschämt ist, wie Sie sie schildern, gibt ihr das die Möglichkeit zu sagen: „Erst sollen sich alle mal eintragen.“ Dann kann sie das Buch anschließend immer noch unauffällig verschwinden lassen.

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