So kann’s gehen : Darf ich klatschen?

Immer wieder sonntagsfragen Sie Elisabeth Binder

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Obwohl ich von Musik nicht viel Ahnung habe, gehe ich gern ins Konzert und will da meiner Begeisterung auch Ausdruck verleihen. Als ich mal zwischen den Sätzen klatschte, erhielt ich einen Rüffel von meiner Freundin, was mich sehr geärgert hat. Fühlen sich die Musiker dadurch gestört?

Vor 100 Jahren war es noch durchaus üblich, zwischen den Sätzen zu applaudieren. Und in Opernhäusern ist es nach wie vor gängig, nach einer besonders gelungenen Arie zu klatschen, jedenfalls hierzulande. Wie mir unser Musikkritiker erzählte, herrscht in der Mailänder Scala da ebenfalls strenges Schweigen, bis sich am Schluss der Oper aufgestaute Emotionen in Ovationen die Bahn brechen dürfen.

Unter Musikkennern gilt der Applausverzicht zwischen den Sätzen als Errungenschaft: Man will das Werk ungestört im Zusammenhang hören, der große Spannungsbogen soll erhalten bleiben. So ganz der reinen Lehre entsprechend geht es im wirklichen Leben leider nicht immer zu. In Konzertsälen wird zwischen den Sätzen wie verrückt gehustet, die Leute räuspern und schnäuzen sich, als sei gerade die große Erkältungspest ausgebrochen. Das kann man auch als Kompensation für den Applausverzicht werten – irgendwie muss sich die Spannung lösen. Wer mal spontan losklatscht, wird hingegen sicher konsternierte Blicke ernten, von den Sitznachbarn als ahnungsloser Banause betrachtet.

Vielleicht wäre das eine gute Idee für Orchester, die sich neue Zuhörerschaften erschließen wollen: Man bietet verschiedene Konzertreihen für Kenner und Genießer an. Bei den Kennern regiert nach wie vor der große Spannungsbogen. Bei den Genießern ist es ausdrücklich erlaubt, zwischen den Sätzen donnernd zu applaudieren. Gut möglich, dass auch die Musiker den Applaus genießen. Und vielleicht wird es sogar Überläufer von den Kennern geben, die ihre Liebe zur Musik von allzu strengen Korsetts befreien wollen.

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