So kann’s gehen : Darf ich meine Gäste dirigieren?

Immer wieder sonntagsfragen Sie Elisabeth Binder

Elisabeth Binder

Einmal in der Woche treffe ich mich mit zwei anderen Frauen bei mir zu Hause zum Englischlernen. Wir setzen uns an unseren großen Eichen-Landhaus-Esstisch. Meist stellen die beiden Frauen, die ich sehr mag, ihre großen Taschen auf dem Tisch ab. Das finde ich sehr unhygienisch, weil sie die bei anderen Gelegenheiten sicher auf dem Boden abstellen. Was soll ich tun: meckern oder desinfizieren?

Gastfreundschaft wird komischerweise oft verwechselt mit praktiziertem Masochismus. Das finde ich ganz schlecht, weil es die Lust auf Gäste so dämpft. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum die digitale Beziehungspflege so wahnsinnig boomt. Man muss seine Wohnung nicht aufräumen und putzen und dann wieder schmutzig machen lassen, um soziale Kontakte zu haben. Man muss sich auch nicht in Geiselhaft nehmen lassen von Gästen, die es für höflich halten, endlos lange zu bleiben. Und natürlich kann man es vermeiden, dass der hölzerne Esstisch sich mit Bakterien vollsaugt, bloß weil gedankenlose Besucherinnen es schick finden, ihre zweifellos sehenswerten Taschen darauf zu parken.

Ja, man soll großzügig sein als Gastgeber. Es ist immer gut, den Gast angemessen zu bewirten und es ihm gemütlich zu machen. Das schließt aber nicht ein, dass man sich selber aus nichtigem Anlass stressen muss. Wenn man genervt ist, ohne was dagegen zu tun, entstehen leicht Aggressionen, die spürbar werden, auch wenn man sie unterdrückt. Tun Sie sich und anderen das nicht an. Wenn Sie Ihre Freundinnen beim nächsten Mal empfangen, deuten Sie doch auf eine Ablage im Flur oder eine Ecke im Esszimmer und sagen: „Eure Taschen stellt ihr am besten dort ab.“ Die Besucherinnen wollten Sie mit der Wahl des Tisches als Ablage bestimmt nicht vorsätzlich ärgern, sondern wussten es einfach nicht besser. Die Lösung lautet: weder meckern noch desinfizieren, sondern dirigieren.

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