So kann’s gehen : Darf man bei Tisch simsen?

Elisabeth Binder

Kürzlich hatten wir Gäste zum Abendessen eingeladen und uns wirklich Mühe gegeben. Aber immer wieder merkten wir, wie einer der Freunde total abgelenkt war und offensichtlich an seinem Handy rumfummelte, um Messages zu lesen oder zu senden. Das ist doch unhöflich, oder?

Es ist wirklich erstaunlich, wie es das Telefon noch mehr als 130 Jahre nach seiner Erfindung als Massenkommunikationsmittel schafft, die Menschen zu grober Unhöflichkeit zu provozieren. Das war schon in jenen grauen Zeiten so, da das Handy noch gar nicht erfunden war und die Menschen sich mit Festnetzanschlüssen begnügen mussten. Wenn man da mal mit Menschen zusammen- saß und redete, und es klingelte plötzlich das Telefon, hatte fast immer der Anrufer Vorrang. Man sollte denken, das Handy hätte die Menschen in der Hinsicht cooler gemacht, ist aber leider nicht so. Der Stolz darauf, mit fernen Menschen zu kommunizieren, ist ungebrochen. Als gelte die Maxime, je ferner desto wichtiger. Schon Teenagern, die ein bisschen mit ihren jungen Liebesbeziehungen angeben wollen, sollte man klar machen, dass Simsen bei Tisch nicht gerade einen hohen Unterhaltungswert hat. Für die Dringlichkeit, die in jungen Jahren bei der Krisenbewältigung per SMS noch notwendig erscheint, mag man Verständnis aufbringen. Bei erwachsenen Gästen darf man gern deutlicher werden und Unmut in höfliche Fragen kleiden. „Gibt es im Büro eine schlimme Krise?“ oder „Ist in der Familie etwas Schreckliches passiert?“ Richtig sind Fragen, die deutlich machen, dass nur ein Notfall das Simsen bei Tisch rechtfertigen kann. Ruhig auch nachfragen, wenn ausweichende Antworten kommen, Sorge äußern ob des anscheinend dringenden Kommunikationsbedarfs. Der alte Weisheitssatz „carpe diem“ beinhaltet auch, dass es besser ist, sich auf Anwesende zu konzentrieren, als Abwesenden hinterherzutexten.

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