So kann’s gehen : Dürfen wir ihr Grab pflegen?

Immer wieder sonntagsfragen Sie Elisabeth Binder

Elisabeth Binder

Eine gute Freundin ist vor einiger Zeit gestorben. Leider sieht ihr Grab sehr ungepflegt aus, was den ganzen Freundeskreis stört. Kürzlich haben wir uns Gedanken gemacht, ob wir uns des Grabes einfach annehmen sollen. Aber die Mehrheit war dagegen, das sei Sache der Kinder, da könne man sich nicht einmischen.

Offenbar haben die Kinder ja kein Interesse an der Grabpflege. Vielleicht haben sie auch finanzielle Verpflichtungen, die es ihnen nicht erlauben, die Pflege des Grabes an eine Gärtnerei zu delegieren. Das mag auf Anhieb unsympathisch oder nachlässig erscheinen, muss aber nicht unbedingt einen Mangel an Ehrerbietung gegenüber der verstorbenen Mutter bedeuten. Es gibt Menschen, die haben einfach keinen Sinn für Friedhöfe, das muss man akzeptieren. Sicher ist es auch besser, wenn Kinder sich zu Lebzeiten um ihre Eltern kümmern, als wenn sie später Versäumtes mit der Pflege des Grabes wieder aufholen wollen. Hier nach Hintergründen zu forschen, ist aber eh müßig. Sich an dem Grab zu schaffen zu machen, ohne die Kinder vorher zu informieren, fände ich unnötig unfreundlich. Es spricht nichts dagegen, mal Blumen abzulegen, aber grundlegende Änderungen sollten angekündigt werden. Warum schreiben Sie den Kindern nicht einen netten Brief, in dem Sie zum Ausdruck bringen, dass Sie selber und der ganze Freundeskreis die Verstorbene immer noch vermissen, dass Sie gern noch etwas für sie tun würden und auf die Idee gekommen sind, sich ihres Grabes ein bisschen anzunehmen und es in ihrem Sinne zu gestalten. Das ist unaufdringlich, und die Kinder können sich Zeit nehmen, zu entscheiden, ob sie das wollen oder nicht. Wahrscheinlich werden sie dankbar sein, dieser Pflicht enthoben zu sein. Man denkt leicht, dass Verwandtschaft für alles Mögliche zuständig sei, und übersieht dabei die Möglichkeiten, die Wahlverwandtschaften bieten.

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