So kann’s gehen : Ich bin doch kein junger Mann!

von

Immer wieder werde ich in Geschäften –, wenngleich nie bei Banken – mit „junger Mann“ angesprochen. Das passiert mir überwiegend mit weiblichem Verkaufspersonal. Ich bin 84 Jahre alt und empfinde diese Form der Anrede als unpassend und beleidigend. Ist meine Meinung hierzu altmodisch und sollte dieses Verhalten also toleriert werden?

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Kränkungen allein aus Unsicherheit begangen werden. Da könnte man sich einerseits freuen darüber, dass nicht bei allem, was wehtut, böser Wille im Spiel ist. Andererseits möchte man manchmal auch verzweifeln angesichts der Gedankenlosigkeit der Menschen. Es müsste doch auf der Hand liegen, dass es für einen 84-Jährigen kein Kompliment bedeutet, wenn man ihn „junger Mann“ nennt. Die Anrede „junger Mann“ hat so etwas hilflos Joviales, was leicht überheblich wirken kann, aber im Grunde nur dumm ist. Es wäre also höchste Zeit, diesen Ausdruck auf dem Friedhof für ausgediente Floskeln zu begraben.

Natürlich muss eine Alternative her. Das ist das alte Problem, das ja auch bei der Anrede von Kellnerinnen im Restaurant besteht, die sich als „Frollein“ eher runtergeputzt fühlen. Das Thema angemessene Anreden wäre ein gutes Betätigungsfeld für kreative Köpfe in den Germanistikinstituten. Ich würde allen Verkäufern vorschlagen, in solchen Fällen die Anrede „mein Herr“ zu wählen, bis etwas Besseres auf dem Markt ist.

Ihnen würde ich empfehlen, trotzdem nicht beleidigt zu sein. Wiederholungstäterinnen sollten Sie darauf hinweisen, dass man mit 84 nicht mehr jung ist. Wenn Sie mögen, nennen Sie den Verkäuferinnen, mit denen Sie ständig zu tun haben, einfach Ihren Namen. Dann wird das mit der Anrede ganz einfach. In Banken ist man ja meist mit Namen bekannt, deshalb passiert so was da auch nicht.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an:

meinefrage@tagesspiegel.de

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar