So kann’s gehen : Kann man von „Demut“ sprechen?

Elisabeth Binder

Kürzlich habe ich in einem Brief das Wort „Demut“ verwandt. Meine junge Assistentin hat mich deswegen kritisiert, weil sie meinte, dass dieses Wort heute keiner mehr verstehe und es völlig aus der Zeit gefallen sei. Ich habe es gestrichen, mich aber hinterher geärgert.

Das Wort „Demut“ bezeichnet eigentlich eine vernünftige Lebenseinstellung, ist aber dermaßen mit Vorurteilen überfrachtet, dass es häufig missverstanden wird. Meist wird damit Unterwürfigkeit oder gebrochener Stolz verbunden. Tatsächlich bedeutet Demut aber auch eine realistische Art, die Dinge und sich selber einzuschätzen. Wer sich einer großen Aufgabe in Demut nähert, wird sich nicht überschätzen und das Ganze als Petitesse betrachten, die sich mit links erledigen lässt, wird sich aber auch nicht unterschätzen in dem Sinne, dass man es eh nicht schaffen kann. Er wird sich der Schwierigkeiten bewusst sein und diese mit Umsicht angehen. Das ist pragmatisch, denn eine solche Haltung hilft auf jeden Fall, Fehler zu vermeiden.

Dem Begriff „Demut“ hat es sicher nicht geholfen, dass er über viele Jahrhunderte vor allem in religiösen Kontexten verwandt, oftmals überfrachtet wurde und immer mal wieder auch einem Verständniswandel unterzogen war. Dabei könnte man zu dem Schluss kommen, dass es für Menschen, die an einen allmächtigen Gott glauben, im Grunde vernünftig, mindestens beruhigend ist, die absolute Abhängigkeit von diesem Gott zu akzeptieren und ihm gleichzeitig Gutes zu unterstellen.

Die Ergebenheit in Dinge, die man nicht ändern kann, die sich der eigenen Kontrolle entziehen, egal ob man gottgläubig oder atheistisch ist, vermindert unnötigen Stress, wirkt also auch entspannend und hilft dabei, das Leben möglichst gut und ohne überflüssige Reibungsverluste zu meistern. Gibt es ein besseres Wort dafür? Mir fällt keins ein. Vielleicht weiß Ihre Assistentin eins.

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