So kann’s gehen : Muss ich die Geschichten ertragen?

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Meine Cousine textet mich dauernd mit ihrer Leidensgeschichte zu. Die Krankheiten, die Gemeinheiten, die sie ertragen musste, kenne ich schon auswendig. Wie kann ich sie nur stoppen? Ich will das alles nicht mehr hören.

Selbstmitleid braucht ein Ventil. Da ist jedes Opfer recht, dass nicht beizeiten „Nein“ sagen kann. Anfangs mag es leicht erscheinen, mitfühlend zuzuhören und angesichts all der Schrecken, mit denen die Erzählerin zu kämpfen hatte, ein guter Ruhepol zu sein. Aber dieser Eindruck täuscht. In Wirklichkeit werden Sie offensichtlich nur ausgenutzt und das womöglich auch noch mit dem Gefühl, dass eine Verwandte verpflichtet ist, sich Leidensgeschichten anzuhören.

Dem sollten Sie entschieden, aber nicht unkonstruktiv einen Riegel vorschieben. Programmieren Sie Ihr inzwischen nur noch geheucheltes Mitgefühl um in ein Aufmunterungsprogramm. Ermutigen Sie die Cousine, die durchlittenen Krankheiten erst mal ad acta zu legen und die Möglichkeiten, die sich nach der Überwindung derselben bieten, auszuschöpfen. Schlagen Sie ihr Aktivitäten vor, der Frühling bietet sich doch an dafür. Vielleicht wird sie im Sportverein wieder fit. Oder es bietet sich die Möglichkeit, ein altes Hobby aufzugreifen. Klagen über erlebte Gemeinheiten können Sie auch beantworten, indem Sie die Verwandte ermutigen, sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen, zur Not auch mit Hilfe von Kontaktanzeigen. Der Vorteil an unserer Gesellschaft besteht ja gerade darin, dass einen niemand zwingt, Zeit mit ungeliebten Familienmitgliedern zu verbringen.

Wenn Ihre Cousine merkt, dass sie sich bei Ihnen nicht länger auf einem sanften Kissen des geduldig lauschenden Mitgefühls ausruhen kann, wird Sie bestenfalls Ihre Anregungen aufnehmen. Es kann aber auch sein, dass sie keine Lust mehr hat, einer neuerdings anstrengenden Gesprächspartnerin ihr Herz auszuschütten. Umso besser für Sie.

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