So kann’s gehen : Muss ich geizige Wirte ertragen?

Immer wieder sonntagsfragen Sie Elisabeth Binder

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Silvester war ich mit meinem Lebenspartner in einem gehobenen Restaurant. Das Menü kostete 100 Euro, die Weinbegleitung, vier Gläser, 50 Euro. Leider wurden die Weine unter der 0,1-l-Marke eingeschenkt. Ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass dies doch sehr sparsam wirke. Kommentarlos und mit eisiger Gestik wurde dann noch mal nachgeschenkt. Habe ich was übersehen?

Wirte, die an kleinen Schlucken sparen, haben den falschen Beruf. Sie können es schaffen, für eine Weile scheinbar gehobene Restaurants zu führen, aber sie werden nie ein wirklich gutes Lokal ihr Eigen nennen. Dazu gehört nämlich echte Gastfreundschaft. Man kann auch im Gastgewerbe finanziell erfolgreich sein, wenn man das 1. Gebot befolgt: Der Gast muss sich wohl und willkommen fühlen. Wer 150 Euro für ein romantisches Silvestermenü bezahlt, möchte nicht daran erinnert werden, dass die Welt auch voller Laster ist. Geiz ist nun mal eine der sieben Todsünden. Man kann mit so einem scheinbar kleinen Trick große Momente zerstören. Gute Restaurantchefs setzen ihren Ehrgeiz darein, solche Momente zu schaffen. Und es fällt ihnen leicht, so zu kalkulieren, dass es auf ein paar Zentiliter nicht ankommt.

Natürlich war es richtig, die Bedienung darauf hinzuweisen. Wirklich gute Kellner hätten sich spätestens dann entschuldigt mit einer extrafreundlichen Bemerkung. Und natürlich hätten sie bei den nächsten Gläsern darauf geachtet, besonders großzügig auszuschenken.

Es gab mal eine Zeit, da galten eisige Kellnermienen als schick. Aber das ist lange her, das war in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Leute noch aus Prestigegründen in feine Restaurants gingen. Heute liegt die Lust am echten Genuss im Trend. Wer das nicht erkennt, den bestrafen am Ende (hoffentlich!) die ausbleibenden Gäste.

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